| DER ONLINE DIENST DER
TIROLER TAGESZEITUNG http://www.tirol.com/ |
| 50.
Biennale Venedig: Kunst im Kampf um die Löwen Im Länder-Match hoffen Patrioten auf Bruno Gironcoli - Australierin Piccini punktet mit Beispielen aus der Hexenküche der Genlabors - Chris Ofili arbeitet mit Elefantendung. Venedig (APA) - Morgen, Samstag, findet nicht nur die Eröffnung der 50. Kunstbiennale Venedig statt, sondern - zwei Stunden später (17 Uhr) im Dogenpalast - auch bereits die Preisverleihung. Stehen mit Carol Rama und Michelangelo Pistoletto die Gewinner der Lebenswerk-Löwen bereits fest, küren zwei Jurys den besten Nationen-Pavillon, den besten an der internationalen Ausstellung teilnehmenden Künstler unter 35 und das beste Kunstwerk der internationalen Schau.Patrioten halten im Länder-Match Bruno Gironcoli die Daumen. Im österreichischen Pavillon in Venedig kann mit einigen ausgewählten Werken freilich nur eine Ahnung des von ihm geschaffenen gewaltigen Kunst-Kosmos vermittelt werden, der Schönheit und Schrecken, Zitat und Zeichen auf irritierende Weise verbindet. Zu irritieren versteht auch die Australiererin Patricia Piccini. Steht der Jury der Sinn nach einer Kunst, die an brennenden Zeitthemen rührt, muss die 1965 in Sierra Leone geborene und heute in Melbourne lebende Künstlerin als Favoritin gelten. Formal ist das, was sie unter dem Titel "We are family" zeigt, den Gattungen Skulptur und Video zugehörig, doch was sie mit Acryl, Silikon, menschlichem Haar und Leder formt, ist ein (Vor-)Griff auf die Albträume der Gentechnik. Erschreckend echt wirkende Mischwesen aus Mensch und Tier, Zellhaufen und Fleischklumpen wirken, als wären einem Biotechnologen ein paar Eprouvetten durcheinander geraten und sorgen für Schockerlebnisse. Im britischen Pavillon formt Chris Ofili die Natur nicht um, sondern bedient sich ihrer: Der Turner-Preisträger von 1998 hat auch in seinen jüngsten großformatigen Bildern unter anderem mit Elefantendung gearbeitet - was der durch eine Orgie in Grün, Rot und Schwarz ohnedies schon sehr eindrucksvollen Präsentation noch eine zusätzliche bleibende Duftnote verleiht. Die USA setzen mit Fred Wilson auf politisch-korrekte Aufarbeitung von Rassendiskriminierung, die - etwa durch einen im Eingangsbereich aufgehängten schwarzen Luster aus geblasenem Glas oder die Einbeziehung von Negerküssen und ähnlichem Back- und Schleckwerk - gekonnt die Balance zwischen bissig und witzig hält. Die Schweizer setzen mit der jungen Videokünstlerin Emmanuelle Antille auf eine spannende Mischung aus Live-Musik und Video, im Deutschen Pavillon erhoffen sich die Besucher scharenweise von einem U-Bahn-Lüftungsschacht des verstorbenen Martin Kippenberger Abkühlung, im polnischen Pavillon bekommen sie bildlich vorgeführt, was das bedeutet: "Alea jacta est": Stanislaw Drozdz hat 46.656 mögliche Würfel-Kombinationen an die Wände drapiert. Wer will, kann sein Glück versuchen - die Chancen, die selbst gewürfelte Kombination wiederzufinden, stehen denkbar schlecht. 2003-06-13 10:57:14 |