Salzburger Nachrichten am 2. August 2006 - Bereich: Chronik
Kunst auf Raten gestohlen

Der Diebstahl wurde zufällig entdeckt: Aus der Eremitage in Sankt Petersburg verschwanden Kunstschätze in Millionenhöhe. Gestohlen wurde auf Raten.

st. petersburg (SN, APA, dpa). Vorn drängten sich kunstbegeisterte Touristen, und durch den Hinterausgang verschwanden nach und nach die Exponate: Die Entdeckung eines Seriendiebstahls versetzte am Dienstag die Verantwortlichen des russischen Kunstmuseums Eremitage in Sankt Petersburg in helle Aufregung.

Mehr als 200 Exponate, darunter Ikonen, Juwelen und Emaille-Schmuck, verschwanden offenbar über einen längeren Zeitraum aus den unzähligen Lagerräumen. Die Polizei hat jetzt vor allem Mitarbeiter des Museums in Verdacht. Auftraggeber könnten private Sammler gewesen sein.

Es wird befürchtet, dass eine jahrzehntelang immer wieder verschobene Generalinventur im größten Kunstmuseum des Landes noch weitere böse Überraschungen bringen könnte. Denn das Museum am Newa-Ufer hat mehr als 1000 Räume und das Sicherheitssystem strotzt nur so vor Mängel.

Vermisst werden aktuell Kirchenikonen, Juwelierarbeiten sowie wertvolle Emaille-Kunstwerke aus dem 15. bis 18. Jahrhundert. Der offizielle Wert wurde mit 130 Millionen Rubel angegeben (3,8 Millionen Euro). Der reale Wert der Exponate dürfte um ein Vielfaches höher liegen. Museumsdirektor Michail Piotrowski sagte am Dienstag, die gestohlenen Kunstgegenstände seien nicht versichert gewesen.

"Die Objekte sind im Laufe von mehreren Jahren verschwunden. Vier Mitarbeiter hatten Zugang zu dem Lagerraum", erläuterte Piotrowski den Fall. Russische Medien bringen den Tod einer Mitarbeiterin der Eremitage in Zusammenhang mit dem Kunstraub. Die Archivarin war zu Beginn der Inventarisierung im vergangenen November am Arbeitsplatz an einem Schlaganfall gestorben. Vielleicht hatte sie das Ausmaß des Schadens bereits damals erkannt. Der in der internationalen Museumsszene bekannte Piotrowski warnte am Dienstag davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. Von Diebstahl könne man noch nicht sprechen, womöglich tauchten die verschwundenen Exponate ja in einem anderen Lagerraum auf. Das sei immerhin schon vorgekommen.

Im Museum herrschen gravierende Sicherheitsmängel. In den Ausstellungssälen mit Werken von Picasso, Rembrandt oder Rubens dösen alte Museumswärter vor sich hin. Wahrscheinlich weiß in der Eremitage niemand so recht, was das Riesenmuseum mit seinen geschätzt drei Millionen Kunstwerken im Einzelnen alles beherbergt.

Nur ein Bruchteil der verschwundenen Kunstschätze wird von noch lebenden Kustoden betreut. Beim Rest sind die Archivare längst gestorben. In den letzten Jahren hatte man Studenten zur Inventur in der betroffenen Abteilung herangezogen. Die Polizei ermittelt deshalb in einem erweiterten Täterkreis.