"Sie hat mir nie rasend gefallen"

Für den Wiener Galeristen Ernst Hilger geht es in seiner Ausstellung nicht um SIE, sondern um den MYTHOS. Ernst Hilger im Gespräch mit
Susanne Rohringer.


Frage: Wie kamen sie auf die Idee eine Hommage für Marilyn Monroe zu machen? Gut, es ist das 40. Todesjahr von Monroe...

Hilger: Ich wusste nicht, dass es ihr 40. Todesjahr ist. Es geht erst in zweiter Linie um Marilyn Monroe. In erster Linie ging es um die Suche der Menschen nach Mythen. Wir leben in einer an Mythen armen Zeit. Die historischen Mythen gehen langsam aus. Die Alltagsmythen verlieren an Faszination, da die Dinge längst alle durchschaubar sind. Geheimnisse gehen verloren. Daher ist die Frage nach dem Mythos das eigentliche Thema der Ausstellung. Marilyn Monroe ist dabei eine Art von Fokus.

Frage: Welche Art von Fokus?

Hilger: Sie können keine Mythologie ohne Zentrum haben. Eine Mythologie muss sich um einen Gegenstand oder um eine Person ranken. In dem Fall haben wir Marilyn Monroe genommen, die mehr Links und Websites hat als Jesus Christus. Es gab ja sogar eine Nachlass-Auktion bei der Andy Warhol und andere Leute Sachen von ihr kauften. Es geht soweit, dass Unterschriften von Marilyn mehr kosten als Kunstwerke. Vielleicht ist Mythos das was ich die ganze Zeit in meinem Leben gesucht habe und Kunst die einzige Möglichkeit Mythos im 21. Jahrhundert darzustellen.

Frage: Was ist der Mythos an Marilyn Monroe für sie als Galerist und Mann?

Hilger: Als Frau hat sie mir nie rasend gefallen. Deshalb hat es mich umso mehr interessiert, worin die Faszination dieser Frau liegt. Als Kunsthändler hat es mich erstaunt, wie viele wesentliche Künstler sich mit ihr auseinandergesetzt haben. Oder wie schnell die kontaktierten Künstler bereit waren, dieses Thema aufzugreifen. Wir haben in dieser Ausstellung erst einen winzigen Bruchteil zum Thema Mythos Marilyn gezeigt. Das heißt es wird eine Fortsetzung geben. Wir haben ein paar junge Künstler angerufen. Und wir haben auch das "fake and non fake" Prinzip in die Ausstellung aufgenommen, da wir echte Warhols und nicht signierte Warhols ausstellen. Wir haben auch eine Erstausgabe ihrer Memoiren gefunden, die wahrscheinlich gar nicht von ihr geschrieben wurden. Und wir präsentieren sogar ein Strass-Kollier von ihr in der Ausstellung.

Frage: Welche Kriterien bestimmen die Auswahl der Künstler? Es ist ja eine sehr heterogene Schau von Celebrity-Fotos eines Klassikers wie Philippe Halsmann zu Tuschpinsel Arbeiten von Andreas Leikauf?

Hilger: Kriterien war die künstlerische Qualität von Arbeiten sowie gewisse emotionale Zugänge. Es ist eine erste Sichtung. Manche Künstler hatten sich schon früher mit Marilyn Monroe beschäftigt. Andere taten es im Rahmen dieser Ausstellung.

Frage: Wer hat von den jungen Künstler etwas zur Ausstellung gemacht?

Hilger: Angelika Breitfuß hat eine sehr faszinierende Arbeit gemacht. Sebastian Weissenbacher hat sich mit den Unterhosen der Marilyn Monroe beschäftigt. Sasa Makarova dazu eine sehr expressive Thematik dazu entworfen. Und von so alten Künstlern wir Mimmo Rotella gab es einfach diese alten Siebdruckposters. George Pusenkoff hat als einen Teil seiner Arbeit das Todeszertifikat groß als Bild gebracht. Für alle war es eine Bereicherung. Denn sie meinten, ich hätte sie auf etwas aufmerksam gemacht, was sie schon längst tun wollten. Über den ganzen Sommer wird sich die Ausstellung verändern. Es werden Sachen dazukommen, es werden Sachen verkauft werden.

Frage: Es sind dabei auch so umstrittenen Künstler wie der Playboy-Illustrator Mel Ramos vertreten, dessen Frauenporträts zum Teil lustvoll sind, aber manchmal die Grenze des Voyeuristischen und Frauenverachtenden überschreiten.

Mel Ramos
Mel Ramos

Hilger: Das ist das erstemal das ich so etwas über Ramos höre. Er hat das Frauenbild sehr stark mit Konsum verbunden, aber mit einer sehr großen Liebe für die Frau. Es ist eine sehr amerikanische fast prüde Auseinandersetzung mit Nacktheit. Meiner Ansicht nach geht es nie ins Vulgäre, ins "Pin Up" hinein. Die Frau ist immer sehr distanziert gezeichnet.

Frage: Der Schlüsselochblick auf die nackte Marilyn bedient doch sexistische Stereotypen. Ramos meint das aber ernst und er spielt nicht damit. Das macht es fragwürdig.
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Hilger: Natürlich geht es dabei um die Fantasie durch das Schlafzimmerschlüsselloch auf Marilyn Monroe zu sehen. Jeder möchte sich am Mythos reiben. Dazu gehört sicherlich auch der Zimmerkellner der versucht vom Star etwas mitzukriegen. Das hat weniger erotische Komponenten als vielmehr die Sehnsucht an den Star heranzukommen und einen Bruchteil der Sekunde am Mythos des Stars teilzuhaben. Ramos bringt meiner Ansicht eine gewisse Ironie über seine amerikanischen Mitbürger ein. Wenn so etwas ein Amerikaner malt, hat das einen anderen Kontext, als wenn es ein Österreicher malt. Er hat es durch seine Darstellung der Nacktheit ja auch schwer am Kunstmarkt gehabt. Große amerikanische Galeristen wie der Castelli haben ihn deshalb nicht ausgestellt.

Frage: Daneben reihen sich so ernsthafte Maler wie Sandro Chia?

Hilger: Er ist ein Maler der Mythologien und für ihn der Mythos das Thema.

Frage: Und wie passt da Robert Zahornicky hinein, der doch eher ein Konzept-und Objektkünstler ist?

Hilger: Er präsentiert hier ein eigenes Konzept. Er hat ein Fotomodell gefunden, das wie Marilyn Monroe aussieht und es fotografiert. Es sind "Look-a-like"-Fotos. Er hat Fotografien von Marilyn Monroe nachgestellt.

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