16.01.2002 00:21 MEZ
  Machtkämpfe in der Museumslandschaft
Schröder gegen Seipel, Albertina gegen KHM: Expansionspläne werden gewälzt
Von Thomas Trenkler

Foto: APA/Guenter Artinger
Klaus Albrecht Schröder
Im vergangenen Herbst vertrat Klaus Albrecht Schröder, der Direktor der Albertina, in der Kunstzeitschrift Parnass (siehe auch DER STANDARD vom 18. Oktober) die Meinung, dass monokulturelle Ausstellungen passé seien. Der Besucher erwarte sich eine vielschichtige Präsentation, also die Zusammenführung von Ölgemälden und Studien, die den Prozesscharakter verdeutlichen. Aus diesem Grund sei es, meinte Schröder, durchaus sinnvoll, die von ihm geleitete Graphische Sammlung mit der Österreichischen Galerie zu fusionieren: Die beiden Museen würden sich hervorragend ergänzen.

Dieses Statement entfachte eine hitzige Diskussion unter den Direktoren der Bundesmuseen, die in den letzten Tagen vom Kurier weitergezogen wurde.

Aber eigentlich war nicht Schröder der Grund für die Debatte: Er reagierte nur auf seinen größten Konkurrenten in der Wiener Museumslandschaft, auf Wilfried Seipel. Denn der Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums gliederte Anfang 2001 das Theater- und das Völkerkundemuseum seinem Reich ein, in dem die Sonne auch aufgrund des Kooperationsvertrags mit Guggenheim (von Venedig bis Vegas) und der Eremitage fast nicht untergeht: Es umfasst mittlerweile neun Standorte.

Und dies nur vorläufig: Der Vertrauensmann von Wolfgang Schüssel (der Bundeskanzler entsandte Seipel in den ORF-Publikumsrat, nachdem dieser bei der Direktwahl durchgefallen war) sinniert über ein Modell nach dem Vorbild der Stiftung preußischer Kulturbesitz in Berlin.

Sein Hunger nach neuen Einflussbereichen scheint dabei keine Grenzen zu kennen: Er mischte bei der Ausgliederung des Technischen Museums mit, plädiert für ein Kunstzentrum auf dem Mönchsberg unter seiner Leitung und kann sich auch eine Übernahme der Albertina vorstellen. Nicht ganz grundlos dürfte zudem die Betriebsgesellschaft von Schloss Schönbrunn Strategien entwickelt haben, die einen allfälligen Takeover der Anlage (das KHM unterhält in dieser die Wagenburg) durch Seipel vereiteln sollen.

Schröder unternahm also einen Versuch, Seipel das Feld nicht kampflos zu überlassen - indem er plausible Gründe darlegte, warum die Österreichische Galerie, die als Verschubmasse gilt, der Albertina zugeschlagen werden sollte. Der Zeitpunkt dafür scheint klar: Ende 2004, wenn der Vertrag von Direktor Gerbert Frodl ausläuft.

Eine solche Fusion würde Wilfried Seipel aber kaum akzeptieren. Er hält sie denn auch für "wenig einsichtig", würde es lieber sehen, wenn die Österreichische Galerie dem Leopold Museum zugesprochen würde.

Neuer Zentralismus

Noch aber ist Frodls Haus eigenständig und wird bald über einen weiteren Standort, das 20er Haus, verfügen. Der Pavillon wird in Kooperation mit dem Mumok bespielt. Ohne Seipel: Schröder bot ihm (wohl nicht ohne Hintergedanken) an, dessen Wotruba-Sammlung in der Albertina aufzustellen, was dieser (wohl nicht ohne Hintergedanken) akzeptierte.

Kollegen wie Gerald Matt und Peter Noever warnen indes ausdrücklich vor einer "Machtkonzentration" und der "Machtgier megalomaner Kulturmanager". Diese Aussagen sollte der Kulturministerin zu denken geben: Die Museen von einer zentralistischen Bürokratie zu befreien, um sie Seipel (und damit einer zentralistischen Bürokratie) in die Hände zu spielen, kann nicht der Sinn der Ausgliederung gewesen sein.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 1. 2002)


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KOMMENTAR

Wenn Morak schweigt

 
 Bernd Gallob Alle Postings von Bernd Gallob | 05.01. 14:40 antworten 
 
Fragt nach bei Busek
Es wäre interessant zu erfahren, wie der Erfinder des GD Dr. Seipel, Dr. E. Busek, die intenational fassungslos beobachtete gigantomanische Zentralisierung der Wiener Musseeenlandschaft kommentierte.

Dr. Busek hat damals, trotz vieler undurchsichtig gebliebener Querschüsse (angebliche Skarabäen-Affäre)dem Dr. Seipel die Stange gehalten. Wobei der gewichtige Einwand - die mangelnde wissenschaftliche Kompetenz (Dr. Seipel ist nicht habilitiert)- möglicherweise tatsächlich nicht mehr aktuell gewesen ist.

Was aber nunmehr geschieht, dass ein schon für das KHM an der Grenze seiner Kapazität stehender Mann alles an sich reissen möchte, kann nicht im Sinne des Erfinders sein.

Was soll denn eine Verparteipolitisierung von Bildender Kunst, das ist doch lächerlich und paranoid - das gab es nur in der Zeit des Austrofaschismus und schien nach der gemeinsamen Lagerstrasse bewältigt zu sein.

Die fachliche Kompetenz des Dir. Dr. Seipel im Theaterwesen ist unter 00 (Minus-Zero), er kennt (beispielsweise) nicht einmal die berühmtesten SängerInnen, BühnenbildnerInnen etc. der jüngeren Vergangenheit.

Ebenso ist er vom Basis-Wissen um Ethnologie etc. weit entfernt.

Man wird den Eindruck nicht los, dass da ein gigantisches Ablenkungsmanöver wegen eines bilanziellen Desasters des KHM (allein für sich) im Gange ist.

Das große Fressen anderer Firmen kurz vor dem Konkurs ist eine in der Wirtschaft gängige Fluchtmethode.
 
 Iris Krentz | 05.01. 17:36 antworten 
 
Re: Fragt nach bei Busek
Machtkämpfe? Nein, Machtkampf!
Dr. Seipel hat bereits in den vergangenen Wochen mit beunruhigenden Wortmeldungen aufhorchen lassen, die vor allem aufgrund eines Vergleichsparameters so erschreckend sind: er vergleicht die Wiener Museumslandschaft mit dem Louvre, er trägt "frei" nach dem ehemaligen Direktor des Louvre, Pierre Rosenberg, einen roten Schal, all seine Fusionsvorschläge und Fusionsstrategien rechtfertigt er mit dem scheinbar allgemein gültigen Paradebeispiel Louvre.
Dieser Rückschluß wird nichtzuletzt auch durch die - in Wien völlig sinnlose - Eingliederung des Völkerkundemuseums, welches eine rein kulturhistorische und nicht kunsthistorische Sammlung beheimatet, unterstrichen: auch für Präsentationen im Louvre wurden in Paris aus einem Museum der Volkskunst Objekte abgezogen allerdings wurde nicht fusioniert).
Bedauerlich, dass Dr. Seipel hier keine strukturellen oder historischen Unterschiede erkennt, ja vielleicht erkennen kann - er ist bekanntlich Ägyptologe und war vor seiner Bestellung zum GD des KHM im Rosgartenmuseum in Konstanz und am Linzer Landesmuseum tätig - und seine kunsthistorische und betriebswirtschaftliche Inkompetenz durch den Vorschlag, die größte Sammlung an Arbeiten auf Papier, die Albertina, ins KHM einzugliedern, noch unterstreicht. Letztendlich geht es Dr. Seipel nicht um eine qualitative Verbesserung für den Besucher (vgl. dazu die Ausstellungen des KHM im Palais Harrach) oder eine Neustrukturierung der Museen im Sinne der Kunstgeschichte, sondern um Machtzuwachs.
 

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