| Salzburger Nachrichten am 24. März 2006 - Bereich: Seite 1
Der Standpunkt: Österreichischer Film: Preisregen und kaum ein Markt MARTIN BEHR
Oscar-Nominierung für Herbert Saupers "Darwin's Nightmare", Sieg für
"Grbavica" von Jasmila Žbanic auf der Berlinale, ein Preisregen
für Michael Hanekes "Caché": Das sind die Schaumkronen einer
internationalen Erfolgswelle, die den zeitgenössischen österreichischen
Film seit geraumer Zeit erfasst hat. Anders als bei sportlichen
Höchstleistungen lässt die Bundesregierung keine Inserate für die
gefeierten Filmemacher schalten, die Reputation des rot-weiß-roten Kinos
ist auch so gefestigt. Alles Wonne und Grießschmarren also im Filmland Österreich? Mitnichten.
Österreichische Filme werden international deutlicher wahrgenommen als in
Österreich selbst, der Marktanteil in heimischen Kinos liegt mit zwei
Prozent nur knapp über der Wahrnehmungsgrenze. Der viel beklatschten Auszeichnung auf dem internationalen Festival
steht die mangelnde öffentliche Wahrnehmung im nationalen Umfeld
gegenüber. Ausnahmen bestätigen die Regel: Mit 160.000 Besuchern stürmte
Erwin Wagenhofers Globalisierungs-Dokumentarfilm "We Feed The World" die
ewige Top-15-Liste. Nahrungsmittelwahnsinn zwischen seichten
Beziehungskomödien und deftig-heftigen Kabarettfilmen. Warum nicht?
Filmische Innovation und kommerzieller Erfolg schließen einander nicht
aus, sagt die "Diagonale"-Intendantin Birgit Flos. Insbesondere das heimische Dokumentarfilmschaffen blüht und gedeiht wie
nie zuvor und gerade zu dieser neuen Aufbruchstimmung gesellt sich ein
alter Verteilungskampf. Kommerz kontra Kunst. Jene, die im Inland die
meisten Zuschauer erreichen, sollten bei der Subventionsvergabe bevorzugt
werden, heißt es aus Produzentenkreisen. Da kommt Freude auf, nicht nur in
"Hinterholz 8". Was als raffinierte Altersvorsorge für die Protagonisten des
österreichischen Kabarettfilms zu verstehen ist, geht an den Leitlinien
eines kulturpolitischen Auftrags vorbei. Filmförderung ist Kulturförderung
und darf nicht dem Diktat der Quote unterworfen sein. Geschäft oder
Kultur, das ist die falsche Fragestellung. Im Filmland Österreich sollten
alle Anstrengungen unternommen werden, um mit kulturell relevanter Kost
auch eine hohe Publikumsfrequenz zu erreichen. Das Ziel muss lauten: ein
Geschäft mit der Kunst zu machen. Von einem Kulturstaatssekretär, der weiland das funktionierende
Filmfestival "Diagonale" mutwillig zerschlagen wollte, ist wenig zu
erwarten. Auch nicht von einem ORF, der sich vom Dokumentarboom nicht
beeindrucken lässt und gesellschaftspolitisches Nachdenkfutter lieber
versteckt als entsprechend breitenwirksam anbietet. Was der österreichische Film braucht, ist eine größere Dichte, eine
professionellere Vermarktung, mehr mediale Reflexion. Dafür weniger
Machtkämpfe und Eifersüchteleien. |