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12.04.2006 - Kultur&Medien / Ausstellung
Kunsthaus Bregenz: Das Glück von hinten
VON ALMUTH SPIEGLER
Gelitin zeigen ihre erste große Gesamtschau - und scheitern.

Was haben die vier uns in den letzten Jahren nicht alles erle ben lassen, als sie sich noch glibberig Gelatin nannten! Übereinander gestapelte Bodybuilder bildeten 1999 im körperverliebten Los Angeles den "Human Elevator". Dann das "Weltwunder" bei der Expo 2000 in Hannover: Ein ungewisser Sprung in ein Wasserloch führte zu wohliger Wiedergeburt in einer heimeligen Luftkammer. 2003 der "Arc de Triomphe" in Salzburg, dieses sich rücklings selbst in den Mund pissende Plastilin-Monster mit Sportsocken: Mozart hätte seine Freude am grotesken Wasserspiel gehabt.

Gelatin hoben immer mehr ab: Letztes Jahr wurde endlich der riesige rosa Stoffhase mit herausquellenden Innereien ausgelegt, auf einem Berg im Piemont, und die Londoner Filiale der schicken Gagosian-Galerie wurde geflutet, zugeramscht und mit anrüchigem Spiegelklo und Mini-Sauna-Kapseln zur "Sweatwat" verwandelt, was man frei wohl mit "feuchter Pussy" übersetzen kann. Und man hat sich, von einer schäbigen Matratze aus schüchtern auf das nackige Treiben blickend, durchaus wohl fühlen können in dieser schwülen Wellness-Grotte der netten Buben. Ach ja.

Heute glaubt man also, sich recht gut eingerichtet zu haben im fröhlich vor sich hinwuchernden Gelatin-Universum aus grusligen Stümmel-Stofftieren, schmuddeliger Männer-WG-Atmosphäre und einer unordentlichen Portion Supersex irgendwo zwischen Dragqueen und Robin Hood. Man meint verstanden zu haben: Hier spielt es das neue Vermitteln alter Körpererfahrungen, Rückführung in die Kindheit, Regression, aber ohne bösen Psycho-Druck à la Otto Mühl. Nein, wir leben in der Pop-Moderne - hier geht es um Lust und Freiheit, letztendlich um Glück. Und dass das auch funktionierte, dafür liebten wir Gelatin, pardon, lieben wir Gelitin, wie sie sich aus einer Laune heraus gerade nennen.

Nur das Kunsthaus Bregenz, diesen seegrünen Eisblock von einem Museum, den brachten selbst Ali Janka, Wolfgang Gantner, Tobias Urban und Florian Reiter nicht zum Schmelzen. Eingeschoben statt einer laut Direktor Eckhard Schneider "nicht fertig gewordenen" Ausstellung von Jason Rhoades - der angeblich so Entbehrliches vorhatte, wie in Neonschrift "Muschi" auf ein Kaaba-mäßig schwarz verhülltes Kunsthaus zu schreiben - richteten Gelitin hier also ihre erste große institutionelle Gesamtschau ein. Und - ja, es schmerzt - scheiterten. Da half auch nicht, dass sie bei der Eröffnung in unglaublichen Fantasie-Kostümen und viel nackter Haut umherstöckelten. Man brachte das Gefühl des kühlen Kunsthauses nicht aus dem Kopf, wurde nicht entführt wie sonst. Die strenge Architektur seziert die Ausstellung, die wie ein einziger Körper funktionieren soll, unbarmherzig in zusammenhanglose Einzelstationen. Obwohl inhaltlich eine ausgewachsene Anal-Fixierung alles zusammenschließt.

Teil eins im Erdgeschoß ist bereits aus den Galerien Meyer Kainer und Gagosian bekannt: Ein aufgestelztes Hoch-Klo, in dem man per Spiegeltechnik betrachten kann, was sonst nur akrobatisch erkenntlich wäre. Rundherum so genannte Kackabeth-Poesie, fotografiert bei kindlichen Kot-Spielen.

Stiegen rauf, der "Pietmondriansaal": Große Plastilin-Malerei-Reliefs hängen an den Betonwänden. Auf den schweren Bildtafeln tummelt sich aber mehr im Sinne von Hieronymus Bosch die Hölle. Wie gerne würde man versinken in diesen aufwendigen Sumpf-Teilen, aus denen tausende Augen starren, sich zarte Tentakel recken. Vielleicht nächstes Mal, in intimerem Rahmen. Und ohne über Mondrian und Museumspräsentationen nachdenken zu müssen.

Im nächsten Stock wird es, wie angekündigt, nicht jugendfrei: In einem selbstgebastelten "Megaplex"-Kino läuft in drei Sälen mit "Das doppelte Fäustchen" ein äußerst tief gehender Film, der mehr einschlägiges Publikum interessieren dürfte. Warum nicht, immerhin scheint es allen drei Beteiligten Spaß gemacht zu haben, und wir wissen jetzt ein paar Sachen mehr, die zu wissen nicht schaden kann.

Belassen wir es so kryptisch. Und gehen spielen. In den letzten Stock. 25 Zentimeter hoch wurde hier Moor-Schlamm in ein raumfüllendes, geheiztes Plastikzelt gefüllt. Sinnvoll hinein geht's nur ohne Schuhe und ohne Hemmungen. In der Mitte ein kleiner Gatsch-Vulkan zum Planschen und das Gerüst eines Elefanten zum Reiten. Das alles kann, wie üblich bei Gelitin, dazu führen, ziemlich viel über sich selbst zu erfahren. Oder, in diesem Falle, einfach nur ziemlich schmutzig zu werden. Derart angeschmiert und splitternackt die sterilen Betonstiegen wieder zwei Stockwerke tiefer zu steigen und sich auf die Lederbank vor die Bilder im Pietmondriansaal zu werfen, das würde die Ausstellung vielleicht doch noch zum eskapistischen Ganzen verklammern. Aber wer tut das schon? Außer einem Gelitin?

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