Salzburger Nachrichten am 31. Juli 2006 - Bereich: Kultur
Einfach lauschen und schauen

Im Großen Festspielhaus wurde Pierre Audis Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" vor allem wegen der Ausstattung von Karel Appel bestaunt.

Ernst P. StroblSALZBURG (SN). Auf den Luxuslimousinen, die im Sekundentakt vor dem Großen Festspielhaus heranrollten und wichtige Leute abluden, stand "Audi on Stage". Das passte an diesem Samstagabend in mehrerlei Hinsicht. Mit der Inszenierung von Pierre Audi haben die Salzburger Festspiele nun eine "Zauberflöte" auf dem Programm, die ein eigener Luxus ist. Man muss nichts mehr denken. Nur lauschen und schauen, das aber mit großen Augen, denen man kaum traut.

Pierre Audi arrangierte eine hemmungslos kindliche Mozartoper, und dank der Ausstattung von Karel Appel ist es die knallbunteste seit Erfindung der Farben. Nach dem Hinauswurf von Graham Vicks heftig abgelehnter Inszenierung vom Vorjahr, die für den "Mozart 22"-Marathon gedacht war, holte man aus Amsterdam eine Produktion, die 1995 dort zu sehen war. Der holländische Künstler Karel Appel erneuerte seine Bühnenentwürfe, Pierre Audi änderte ein wenig an seinem Konzept, nun schaut die Inszenierung aus wie neu.

Vor wenigen Monaten allerdings starb Appel, der Meister der Künstlergruppe Cobra und Verfechter einer expressiven, halb figurativen Malerei voller Emotionalität. Er hätte sich über einen Sonderapplaus freuen können. Auch die fabelhaften Kostüme von Jorge Jara lieferten Anlass zum Staunen.

Der Farbrausch war das eine, die Inszenierung nach dem Büchl das andere. Audi verzichtet auf jegliches tief schürfendes Interpretieren, sondern lässt den Dingen ihren Lauf, und bleibt ganz nah an Schikaneder, was ja eine eigene Qualität sein kann heutzutage.

Für Mozart ist Riccardo Muti mit den Wiener Philharmonikern ein ausgezeichnetes Ensemble zuständig. Muti ist - wenige Tage nach seinem 65. Geburtstag - in vielen Phasen überaus bedächtig am Werk, von Altersweisheit kann man aber nicht reden. Die Bühnenpracht stiftet zu Klangräuschen an, die Philharmoniker waren hörbar besser gelaunt als im Vorjahr.

Aus Graham Vicks Inszenierung blieb zum Teil die Besetzung. Michael Schade ist als Tamino abgetreten und hat mit Paul Groves einen Nachfolger, der weniger markant auftritt. Christian Gerhaher war die Premierenbesetzung als Papageno, er ließ viel vom Charme vermissen, den diese Figur haben könnte. Vielleicht ändert sich das mit Markus Werba, der in drei Aufführungen ab 13. August singen wird.

Ein pralles Bilderbuch für Märchenfreunde Eine Traumbesetzung fand die Königin der Nacht mit Diana Damrau und ihren schneidenden Koloraturen. Genia Kühmeier fügte sich vorzüglich als mädchenhafte Pamina zu Tamino. Wunderbar orgelte wiederum Renè Pape als goldener Hohepriester Sarastro. Burkhard Ulrich war ein schleimig-tuntiger Monostatos, seine Sklaventruppe wirkte wie ein Eingeborenenstamm. Zwischen Trachtenlook und Abendrobe wechselten die Drei Damen (Inga Kalna, Karine Deshayes, Ekaterina Gubanova). Die Drei Knaben (Wiener Sängerknaben) flogen im Flieger durch die Lüfte. Die Geharnischten (Simon O'Neill, Peter Loehle) hatten ein Dutzend Kollegen mit Flammenhelm und Samurai-Rüstung.

Irena Bespalovaite machte nicht nur Papageno optische Freude, nachdem sie dem Kostüm des Alten Weibes entschlüpft war. Und Franz Grundheber lieferte einen sicheren Sprecher. Eine runde Besetzung, zumeist klappte auch der Kontakt mit Riccardo Muti, der mitunter dynamisch Druck machte.

Die Personenführung musste sich nach der Ausstattung richten, Pierre Audi hielt sich mit eigenen Ideen zurück und stellte die Oper als Völker und Kulturen verbindendes, zeitloses Märchenspiel dar. Karel Appel hatte mit dicken Farben ein prallbuntes Bilderbuch gemalt, das nun in die Pappmaché-Dreidimensionalität aufstieg und die Bühne dominierte. Eine Schlange konnte Tamino noch verscheuchen, aber gegen das turmhohe Monster hatte er keine Chance. Die Felsberge bewegten sich, Papageno rollte mit einer Art 2CV auf die Bühne. Tanzende Yetis bevölkerten die Bühne, eine Quaderpyramide mit einem halbnackten Paar, kolossale Fantasiefiguren und Tierskulpturen ergänzten den Bilderreigen.

Die Vielzahl an Eindrücken lässt sich kaum schildern. Das Glockenspiel verblüffte ob der schlichten Metallkugelform, hatte aber auf Monostatos und seine Truppe eine überaus komische Wirkung: Das Tänzchen zu "Was klinget so herrlich" rief allgemeine Heiterkeit hervor. Kein russisches Roulett diesmal, echtes Feuer und echtes Wasser bildeten die Beigaben zur Prüfung von Tamino und Pamina, die zuletzt als gekröntes Paar Einzug hielten in Sarastros Welt.

Man muss sie mögen, diese zauberhafte Welt des Karel Appel. Vom geistigen Anspruch her ist diese "Zauberflöte" das unverblümt naive Gegenteil der zweiten zentralen Festspielproduktion dieses Sommers, der intellektuell anspruchsvollen Oper "Le nozze di Figaro".Bilder im Internet www.salzburg.com/SN