Sie tragen warme Jacken. Jeanne-Claude hat sogar ein Tuch um den Hals. Was beweist: Das Künstlerpaar kennt den Gefechtsturm im Arenbergpark, den das MAK seit 1994 als Gegenwartskunstdepot benützt; es weiß: Hier drinnen kann es kalt werden.
Das Paar ist am Mittwoch nach Wien gekommen, um eine Briefmarke zu präsentieren, die Christo („weil ich keine Skizzen mache“, so Jeanne-Claude) für das MAK entworfen hat. Sie ziert den Gefechtsturm, gänzlich verhüllt in Christo'scher Art. Die Originalskizze stammt aus dem Jahr 2007. Die Post hat 300.000 Stück der Sonderbriefmarke im Doppelpack mit einer zweiten Marke aufgelegt, die der „Gefechtsturm der Zukunft“ ziert, so wie ihn sich MAK-Direktor Peter Noever wünscht. Er will den Turm „vom schwer belasteten Ort des Krieges zu einem Raum für Kunst“ transformieren, zum Contemporary Art Tower (CAT). Zur Realisierung soll auch die Briefmarke von Christo beitragen. Dass eine Marke in Zeiten des Internets vielleicht nicht die adäquate Form der Verbreitung ist, bestreitet Noever. „Das wäre, wie wenn ich Sie frage, warum Sie die Zeitung noch auf Papier drucken.“ „Es ist wichtig, dass die ganze Welt von diesem Ort weiß“, sagt Jeanne-Claude. Und ihr Mann Christo, der ihr während der Pressekonferenz immer wieder kurze Hinweise ins Ohr flüstert, fügt rasch hinzu: „Wir haben das alles nur für Peter Noever gemacht.“ Ob man den Gefechtsturm tatsächlich einmal zu verhüllen gedenke? „Nein.“
Bevor das Publikum Fragen stellen darf, hält Jeanne-Claude mit fester Stimme fest, worüber das Paar spricht – und worüber nicht. „Wir sprechen nie über Religion, Politik und natürlich nicht über andere Künstler. Wir sprechen nur über uns.“ Die beiden sind für ihre egozentrische Gesprächsbereitschaft bekannt, die Deutlichkeit, mit der die schmächtige Rothaarige mit dem roten Lippenstift das klarstellt, überrascht.
„Over the River“ kommt vielleicht 2012
Und die beiden sind erstaunlich gesprächig – trotz der kühlschrankkalten Temperaturen im Gefechtsturm. Sie erzählen, warum sie ihre Arbeiten stets ohne Sponsoren („die Freiheit!“) und mit ihrem eigenen Geld realisieren. Jeanne-Claude sagt, was sie beide, die im Sommer (und sogar am selben Tag) 74 Jahre alt werden, fit hält: „Wir leben seit 45 Jahren in Manhattan an derselben Adresse im vierten Stock und immer noch ohne Lift.“
Ihr nächstes Großprojekt „Over the River“ im US-Bundesstaat Colorado sei während der Bush-Regierung eingeschlafen, mit der Amtsübernahme von Obama und einem neuen für die Bewilligung zuständigen Minister, der noch dazu ein Fan ihrer Kunst sei, sehen sie die Realisierung ihres Projekts in greifbare Nähe rücken. Sie wollen den Arkansas River auf einer Länge von 60km mit frei schwebenden Gewebebahnen überspannen – wenn alles klappt, könnte es im Sommer 2012 so weit sein. Die langen Vorlaufzeiten bis zur Realisierung eines Projekts erinnern Peter Noever an die Schaffung des CAT. Die Etablierung des internationalen Zentrums für zeitgenössische Kunst könne allerdings – sobald es ein „Bekenntnis der Politik“ gebe – innerhalb von zwei Jahren Wirklichkeit werden.
Wer wie Jeanne-Claude und Christo im Zentrum der Wirtschaftskrise, in New York, lebt, spürt er sie auch? „Bis jetzt nicht“, sagt Jeanne-Claude. Im Gegenteil, sie glaube, diese Krise könnte der Kunst helfen. Weil all jene, die bisher Geld „in Fonds und Madoff“ gesteckt hätten, hätten letztlich nichts davon gehabt. „Hätten sie aber in Kunst investiert, dann würde die heute ihre Wände schmücken – und sie hätten sicher nichts verloren.“
Auf die Frage nach weiteren geplanten Projekten sagt Jeanne-Claude spitz: „Ja, es gibt ein großes. In zehn Jahren sind wir 84, bis dahin wollen wir darauf achten, dass wir gesund und am Leben bleiben.“
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