Wiener Zeitung · Archiv


Kunstberichte

Galerien live

Dann scharf nach links

(cai) Jetzt hab ich endlich den Beweis! Dass es tatsächlich nicht die Schule ist, wofür wir lernen. Wir büffeln nämlich fürs – Museum. Genauer: für die Kunstbetrachtung. Unlängst war ich wieder einmal in so einem Animierlokal für "Linksabbieger" (also für Leute, die vorzugsweise in ihrer linken Hirnhälfte herumkurven): in einer Galerie. In der vom Kargl.

Da hat Michael Gumhold einen Proberaum improvisiert. Auf dem Verstärker die Botschaft "- 273,15". Grad Celsius? Mei, das ist ja der absolute Nullpunkt! Null Kelvin! Wo die kinetische Energie der Elementarteilchen gleich null ist. Aber das Radl vom Duchamp, sein legendäres Readymade (Rad auf Hocker), bewegt sich doch (auf dem Bildschirm, der auf dem Verstärker steht). Heißt das, das Readymade ist der absolute Nullpunkt in der Kunst? Die tiefste überhaupt mögliche Kunst? Wie auch immer, Martin Guttmann und Fiona Liewehr (die Kuratoren) haben jedenfalls multimediale, polyinteressierte Künstler mit Wienbezug zusammengesteckt. Und die reizen nun Sehzentrum und graue Zellen aufs heftigste.

Nadim Vardag demonstriert uns die Potenz des Gegenlichts. Brennt uns mit seinem solariumhellen Fenster beinah die Augenhöhlen aus. Sonia Leimer raubt der heilen Freizeitparkwelt die Unschuld. Legt in der Miniaturstadt Madurodam, einem kleinen Holland, die Leichen von Theo van Gogh und Pim Fortuyn im Maßstab 1 : 25 ab. Ist ja naturalistischer als ein Goofy-Trümmerl in Disneyland, in das man prompt hineinsteigt! Und um die Raffinesse von Christian Mayers Beitrag darzulegen, bräuchte ich sowieso 3000 Anschläge. Immerhin hat er Objekte aus Bakelit auf jenes alte Fotopapier gebannt, das den Chemiker Leo Baekeland, nachdem er die Rechte an Kodak verkauft hatte, überhaupt erst finanziell in die Lage versetzt hat, den Kunststoff Bakelit zu entwickeln.

Galerie Georg Kargl

(Schleifmühlgasse 5)

This is happening

Bis 24. März

Di. bis Fr. 11 bis 19 Uhr

Sa. 11 bis 15 Uhr

Füllig.

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Familienmammutbaum

(cai) "Betsy and I killed the bear." (Betsy und ich haben den Bären aufgebunden, Pardon: erlegt.) Der Ausstellungstitel klingt ja wie das späte Geständnis des Killers vom Problembären Bruno, der auch noch seine Komplizin Betsy verpfeift. Ist aber ein geflügeltes Wort: Sich mit fremden Pelzen, nein: Federn schmücken. Michael Huey hat die Fotos in der Tat nicht selber gemacht. Sind vom Großvater. Keine typischen Familienfotos, wo sich alle aufreihen wie bei einer Gegenüberstellung, sondern Genrebilder vom "Amerikatum". Tante Dorothy posiert da als personifizierte Vorstadt-Idylle. Mit anderen Worten: Dorothy ist zurück aus Oz, erwachsen geworden und jetzt selige Hausfrau. Denn: S’ ist nirgends besser als daheim. Und weil ja jeder Mann irgendwann im Leben ein Bäumchen pflanzen soll, zählt Huey wenigstens die Äste seines Stammbaums , eines regelrechten Mammutbaums. Hat die eigene Familiengeschichte penibel recherchiert (in einem Wälzer). Schwelgen in der Biografie: Könnt’ glatt als Kunstrichtung durchgehen.

Galerie Charim

(Dorotheergasse 12)

Michael Huey

Bis 31. März

Di. bis Fr. 11 bis 18 Uhr

Sa. 11 bis 14 Uhr

Kunst oder bloß Leben?

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Acryl mit Gefühl

(cai) Das dürfte so sein wie mit dem Palatschinkenteig und dem Ringen um seine ideale Konsistenz. Oliver Dorfer verdünnt sein Acryl nach Gefühl, schüttelt’s und erkennt angeblich am Klang oder womöglich am speziellen Flüssigsein der Farbe, wann sie soweit ist. Und dann vermengen sich lauter Geschöpfe aus dem Manga- und Kinderbuch-Land (und zwischendurch eine Erektion als Sensation) zu einem poppigen Konglomerat, das mir nicht wirklich viel mitteilt. Die perfekte Glätte reicht mir freilich ohnedies. (Dorfer ist sicher auch ein talentierter Palatschinkenkoch.)

hilger contemporary

(Dorotheergasse 5)

Oliver Dorfer

Bis 5. April

Di. bis Fr. 10 bis 18 Uhr

Sa. 10 bis 16 Uhr

Reibungslos.

Mittwoch, 21. März 2007


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