Martin Behr
GRAZ (SN). "Grauer Tag. Beim Frühstück: Russischer Lastwagenfahrer, der der Böse schlechthin sein könnte. Dorf Zalangash: Rostende Schiffe im leeren Meer. Muscheln überall." So lautet eine Tagebucheintragung von Christoph Grill während seiner Kasachstan-Durchquerung im November 2005. Fotografische Momentaufnahmen dieser Reise, die politische Umwälzungen und ökonomische wie ökologische Veränderungen dokumentiert, zeigt Grill in der aktuellen Camera Austria-Ausstellung "Sie befinden sich hier" im Grazer Kunsthaus.
Der 42-jährige Grazer Anthropologe und Fotograf Grill ist eine der Entdeckungen der Gruppenausstellung, die sieben subjektive, fotografische Ortsbeschreibungen zusammenfasst. In seinen persönlichen Berichten aus den Nachfolgestaaten der UdSSR ist technische Brillanz nicht Selbstzweck, in der betont narrativen Fotografie gibt es auch Platz für stille Alltagsbeobachtungen und reizvolle Kompositionen.
Sylvia Henrich wiederum, eine 35-jährige deutsche Künstlerin, beschäftigt sich mit Natursimulation. In "Wasserfall/täglich 12-13 Uhr und 16-17 Uhr" berichtet sie über einen künstlich angelegten Wasserfall in Umbrien, das romantisch-idyllische Naturschauspiel entpuppt sich bei näherer Betrachtung nicht nur als schöner Schein: das rauschende Nass aus Zeit dient der Energiegewinnung. Während die 28-jährige Kroatin Sofija Silvia Orte nach ungewöhnlichen, aber gewohnten Augenblicken absucht und diese paarweise präsentiert, zielen die Arbeiten der 34-jährigen Norwegerin Verena Winkelmann direkt auf das von Medien geprägte Bildgedächtnis des Publikums.
In der norwegischen Kleinstadt "Skien" drohen Bilder einer an sich harmonischen Welt zu kippen: Seltsam-diabolische Figuren im nächtlichen Auto, bedrohliches Licht im Vorstadthäuschen. Grauen in der Idylle? Ja, für alle die von David Lynch, Paparazzi-Bildern oder Aktenzeichen-XY geschädigt sind.
Vermeintliche Tatorte sind auch ein Ansatzpunkt für die 36-jährige Deutsche Karina Nimmerfall. Ihre Werkserie "Cinematic Maps" vereint die in der TV-Serie "Law and Order" gezeigten, von "Unschärfen" geprägten Adressen sowie Bilder dieser realen Orte. Alles und nichts ist wahr: Konzeptkunst im aus Wirklichkeit und Fiktion gebildeten Dickicht. (Bis 1. Mai)






