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| 29.04.2004 - Kultur&Medien / Ausstellung | ||
| Ausstellung: Der Rhythmus Wiens | ||
| Das Wien Museum zeigt Kunst, die die Stadt zergliedert, bewahrt, erforscht, rhythmisiert, katalogisiert, verzerrt, erwandert, rahmt. | ||
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D Wer ihn so liest, muss Angst um die alte Stadt bekommen,
darum, dass mit dieser etwas verloren gehen könnte, das für Kranke,
Schwache und Hässliche gepasst hat. Etwas selbst Armseliges vielleicht,
ein bröckelndes Haus, ein verrostetes Schild, ein dürrer Baum? Man braucht
nicht viel Trotz, um es zu verteidigen. "Kunst und Stadtbeobachtung" ist Untertitel der Schau von
Wolfgang Kos, Brigitte Huck und Lisa Wögenstein. Doch meist ist
Beobachtung ein zu schwaches Wort für den Gestus der Künstler: Es geht um
Einfangen, Festhalten, Konservieren, zumindest virtuell, in der, für die
Erinnerung. Er habe Havanna in Wien-Leopoldstadt gefunden, in der
grün-gelben Fassade einer Likörstube, erzählt Paul Albert Leitner, aus
Jenbach, Tirol zugereister Fotograf. Die Likörstube ist zu, Leitners Foto
hält sie fest wie viele andere mit Assoziationen aufgeladene Details.
Gewiss, das ist eine Grundfunktion der Fotografie, aber gerade in einer
urbanen Landschaft kommt der konservatorische - konservative? - Trotz
dazu. "Um jene Wahrnehmungen aus dem Fluss der Aufmerksamkeit
zu rastern, die ihm ästhetische Empfindungen bereiteten", geht die
Hauptfigur von "Gänger im Großraum", einer Story von Peter Glaser, auf
Erkundung: "Ich habe mir 24 Stunden Zeit gesetzt, um herauszufinden, was
mich an einer Großstadt so begeistert." Dabei wolle er "flanieren, aber
nicht mehr so mußesacht wie Walter Benjamin und nicht so radareisig wie
Handke, nicht so außerhalb des Geschehens". - Wohl die einfachste Form
einer künstlerische Strategie zur Aneignung einer Stadt. Die New Yorkerin
Daniela Phelbs hat sie verschärft: Sie geht vom Zentrum aus in eine
Richtung, acht Stunden, einen Arbeitstag lang. Vom Wiener Stephansplatz
kam sie bis Arbesthal, Mollmannsdorf, Ried am Riederberg, Oberwaltersdorf.
Ihre Foto-Dokumentation der Wanderungen ist so überzeugend, dass keine
Wandernadel die Lust darauf zerstören kann, ihren Spuren zu folgen.
In engerem Korsett hält Peter Dressler die Objekte seiner
Erkundungen fest: ein Haus am Brunnenmarkt im immer gleichen Ausschnitt,
fünf mal drei Fenster, eines davon wird soeben geputzt, sechs mal fünf
Mal, zerrissen durch ein Bild zerborstener Scheiben ("Klar wie
unsichtbar"). Oder zu räumende Wohnungen ("Bleibende Werte"),
Eintrittskarten ("Ohne Abriss ungültig"). In diesem wunderbaren Grenzraum zwischen Kunst und
(gepflegter) Zwangsneurose hat sich auch Valie Export bewegt: Im
"Zeitgedicht" (1970) hat sie die Grünangergasse in ihrer ganzen Enge einen
Tag lang alle Stunden aufgenommen, in "Haltestelle" (1972) eine Station
eines längst pensionierten Autobusses. Härter und schneller ist das
formale Korsett in Kurt Krens "49/95 Tausendjahrekino" - eine rasende
Sequenz fotografierender Touristen - oder in Sabine Jelineks "Vienna
Boogie": Szenen aus den Demonstrationen gegen die Regierung im Februar
2000, gejagt von High-Speed-Elektro, ästhetisch genau die
(Rück-)Eroberung, die eine Demonstration im realen, politischen Raum dann
doch nie sein kann. Nicht zeitlich-rhythmische, sondern literarische
Ordnungsprinzipien bei Bodo Hell: Seine "Stadtschrift" sammelt Logos nach
Klang (Alwa, Bipa, Sowa, Zika; Irotex, Hegatex, Kratex, Satex) oder Sphäre
(Kosmos, Universum, Saturn, Nordstern). Und doch spielt die Zeit mit:
Stünde man lange genug davor, würde man erleben, wie die Schrifttypen in
Mode und wieder außer Mode und wieder in Mode geraten usw. Auch solche Rhythmen spürt man in "Wiener Linien". Oft
überlagert von einem Quasi-Extremfall von Rhythmus: dem Abschwellen,
Verfall. Octavian Trautmannsdorf hat Fotos der Kärntner Straße am Alberner
Hafen entwickelt, wo er mit Chemie aus Abwässern die Aufnahmen zerfressen
ließ: als würden die bourgeoisen Flaneure so dort landen, wo, einem Wiener
Mythos zufolge, die Selbstmörder stranden. Noch einfacher Jonathan Monks Werk: Zwölf Dias aus der
Fremdenverkehrsbranche (Belvedere, Riesenrad etc.) hängen so lange, bis
sie verblichen sind und man durch sie blicken kann: keine "bessere Welt",
sondern eine der vielen Ecken des Karlsplatzes. Ein mögliches Ende einer
Ausstellung voller Ecken und Enden, in der man auch zu spüren meint, wie
lange sie im Museumsmenschen Kos gereift ist. |
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