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29.04.2004 - Kultur&Medien / Ausstellung
Ausstellung: Der Rhythmus Wiens
Das Wien Museum zeigt Kunst, die die Stadt zergliedert, bewahrt, erforscht, rhythmisiert, katalogisiert, verzerrt, erwandert, rahmt.

"Wiener Linien": eine reiche Ausstellung zum Thema "Kunst und Stadtbeobachtung"

D
ie alte Stadt zu verjüngen, damit in ihr viele gesunde, starke und schöne Menschen eine bessere Zukunft anfangen können", das sei Ziel des Wiener Donauparks, schrieb Bürgermeister Franz Jonas 1964. Ein hehres Ziel, in der guten sozialdemokratischen Tradition von "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit". In der Tradition, auf die (auch) zurückzuführen ist, dass Wien heute eine der Städte mit der besten Lebensqualität weltweit ist. Man darf den Satz nur nicht böswillig anders lesen: als Ausschluss der nicht so Gesunden, Starken und Schönen.

Wer ihn so liest, muss Angst um die alte Stadt bekommen, darum, dass mit dieser etwas verloren gehen könnte, das für Kranke, Schwache und Hässliche gepasst hat. Etwas selbst Armseliges vielleicht, ein bröckelndes Haus, ein verrostetes Schild, ein dürrer Baum? Man braucht nicht viel Trotz, um es zu verteidigen.

"Kunst und Stadtbeobachtung" ist Untertitel der Schau von Wolfgang Kos, Brigitte Huck und Lisa Wögenstein. Doch meist ist Beobachtung ein zu schwaches Wort für den Gestus der Künstler: Es geht um Einfangen, Festhalten, Konservieren, zumindest virtuell, in der, für die Erinnerung.

Er habe Havanna in Wien-Leopoldstadt gefunden, in der grün-gelben Fassade einer Likörstube, erzählt Paul Albert Leitner, aus Jenbach, Tirol zugereister Fotograf. Die Likörstube ist zu, Leitners Foto hält sie fest wie viele andere mit Assoziationen aufgeladene Details. Gewiss, das ist eine Grundfunktion der Fotografie, aber gerade in einer urbanen Landschaft kommt der konservatorische - konservative? - Trotz dazu.

"Um jene Wahrnehmungen aus dem Fluss der Aufmerksamkeit zu rastern, die ihm ästhetische Empfindungen bereiteten", geht die Hauptfigur von "Gänger im Großraum", einer Story von Peter Glaser, auf Erkundung: "Ich habe mir 24 Stunden Zeit gesetzt, um herauszufinden, was mich an einer Großstadt so begeistert." Dabei wolle er "flanieren, aber nicht mehr so mußesacht wie Walter Benjamin und nicht so radareisig wie Handke, nicht so außerhalb des Geschehens". - Wohl die einfachste Form einer künstlerische Strategie zur Aneignung einer Stadt. Die New Yorkerin Daniela Phelbs hat sie verschärft: Sie geht vom Zentrum aus in eine Richtung, acht Stunden, einen Arbeitstag lang. Vom Wiener Stephansplatz kam sie bis Arbesthal, Mollmannsdorf, Ried am Riederberg, Oberwaltersdorf. Ihre Foto-Dokumentation der Wanderungen ist so überzeugend, dass keine Wandernadel die Lust darauf zerstören kann, ihren Spuren zu folgen.

In engerem Korsett hält Peter Dressler die Objekte seiner Erkundungen fest: ein Haus am Brunnenmarkt im immer gleichen Ausschnitt, fünf mal drei Fenster, eines davon wird soeben geputzt, sechs mal fünf Mal, zerrissen durch ein Bild zerborstener Scheiben ("Klar wie unsichtbar"). Oder zu räumende Wohnungen ("Bleibende Werte"), Eintrittskarten ("Ohne Abriss ungültig").

In diesem wunderbaren Grenzraum zwischen Kunst und (gepflegter) Zwangsneurose hat sich auch Valie Export bewegt: Im "Zeitgedicht" (1970) hat sie die Grünangergasse in ihrer ganzen Enge einen Tag lang alle Stunden aufgenommen, in "Haltestelle" (1972) eine Station eines längst pensionierten Autobusses. Härter und schneller ist das formale Korsett in Kurt Krens "49/95 Tausendjahrekino" - eine rasende Sequenz fotografierender Touristen - oder in Sabine Jelineks "Vienna Boogie": Szenen aus den Demonstrationen gegen die Regierung im Februar 2000, gejagt von High-Speed-Elektro, ästhetisch genau die (Rück-)Eroberung, die eine Demonstration im realen, politischen Raum dann doch nie sein kann.

Nicht zeitlich-rhythmische, sondern literarische Ordnungsprinzipien bei Bodo Hell: Seine "Stadtschrift" sammelt Logos nach Klang (Alwa, Bipa, Sowa, Zika; Irotex, Hegatex, Kratex, Satex) oder Sphäre (Kosmos, Universum, Saturn, Nordstern). Und doch spielt die Zeit mit: Stünde man lange genug davor, würde man erleben, wie die Schrifttypen in Mode und wieder außer Mode und wieder in Mode geraten usw.

Auch solche Rhythmen spürt man in "Wiener Linien". Oft überlagert von einem Quasi-Extremfall von Rhythmus: dem Abschwellen, Verfall. Octavian Trautmannsdorf hat Fotos der Kärntner Straße am Alberner Hafen entwickelt, wo er mit Chemie aus Abwässern die Aufnahmen zerfressen ließ: als würden die bourgeoisen Flaneure so dort landen, wo, einem Wiener Mythos zufolge, die Selbstmörder stranden.

Noch einfacher Jonathan Monks Werk: Zwölf Dias aus der Fremdenverkehrsbranche (Belvedere, Riesenrad etc.) hängen so lange, bis sie verblichen sind und man durch sie blicken kann: keine "bessere Welt", sondern eine der vielen Ecken des Karlsplatzes. Ein mögliches Ende einer Ausstellung voller Ecken und Enden, in der man auch zu spüren meint, wie lange sie im Museumsmenschen Kos gereift ist.

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