Hrdlickas Werke, vom "Pferd für Kurt Waldheim" bis zum "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus", erregten die Gemüter
Der sensible Berserker ist tot
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Alfred Hrdlicka vor einer Zeichnung seiner Ausstellung "Der Titan und
die Bühne des Lebens", die er im letzten Jahr im Künstlerhaus in Wien
präsentierte. Foto: epa
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Von Verena Franke

Bildhauer Alfred Hrdlicka 81-jährig in Wien gestorben.

Künstler der Kontroversen.
Wien. Krieg,
Gewalt, Faschismus waren seine Themen. Das körperliche Leid, von
Menschenhand hervorgerufen, stand stets im Mittelpunkt seiner Arbeit:
Alfred Hrdlicka, einer der wichtigsten zeitgenössischen Bildhauer und
Zeichner Österreichs, ein Künstler von weltweiter Bedeutung, ist am
Samstag im Alter von 81 Jahren verstorben.
Reaktionen zum Tod von Alfred Hrdlicka
Der Berserker mit dem Hammer
Hrdlicka wurde am 27. Februar 1928 in Wien geboren. Nach
Absolvierung einer Zahntechnikerlehre begann er, an der Akademie der
bildenden Künste zunächst Malerei bei Albert Paris Gütersloh und Josef
Dobrowsky zu studieren, ehe er mit einem Diplom als akademischer Maler
in die Bildhauerklasse von Fritz Wotruba eintrat. 1957 erwarb er auch
als Bildhauer akademische Ehren. Seiner ersten Skulpturenschau 1960
(gemeinsam mit Fritz Martinz) folgten Ausstellungen im Wiener
Künstlerhaus und in der Galerie Welz in Salzburg.
1964 war er Vertreter Österreichs bei der Biennale in Venedig.
Professuren führten ihn an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste
Stuttgart, die Hochschule für bildende Künste Hamburg, die Hochschule
der Künste Berlin und schließlich 1989 an die Universität für
angewandte Kunst Wien.
Als Bühnenbildner arbeitete er etwa in Bonn ("Faust I und II", 1982)
und Stuttgart ("Intolleranza", 1992). 2001 stattete er Christine
Mielitz’ Inszenierung des "Ring des Nibelungen" in Meiningen aus.
Ferner zeichnete er für die Ausstattung der Salzburger
Festspielproduktion von Zemlinskys "Der König Kandaules" derselben
Regisseurin verantwortlich.

Hrdlickas "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus" in der Wiener Innenstadt. Foto: apa
Zu seinen bedeutendsten Arbeiten zählt das "Mahnmal gegen Krieg und
Faschismus" (1988/91) auf dem Albertina-Platz, das Bürgermeister Helmut
Zilk gegen den anhaltenden Widerstand diverser Medien, speziell die
"Kronen Zeitung", durchsetzte. Auch die Karl-Renner-Büste im
Rathauspark (1967 aufgestellt) war umstritten. Von Bedeutung ist auch
das "Gegendenkmal" in Hamburg.
Leiden der Bildhauer
Hrdlicka konnte bereits seit einigen Jahren nicht mehr eigenhändig
an seinen Steinskulpturen arbeiten, er habe sich "zu Tode geschunden".
In einem Interview im letzten Jahr meinte er, dass seine Wirbelsäule
ein Trümmerhaufen sei: Knochenbrüche und andere Erkrankungen des
Skeletts sind das Leiden vieler Bildhauer, das durch den jahrelangen
harten Schlag des Hammers auf den Meißel hervorgerufen wird. Aus diesem
Grund widmeten sich viele Bildhauer auch der Zeichnung. So auch
Hrdlicka. Die Zeichnung ermöglichte ihm, wie auch die Skulptur, die
Reduktion auf das Wesentliche des Körpers, auf die Darstellung des
Haptischen, ohne die Technik an sich zu vereinfachen.
Auch der Einfluss seines Lehrers Fritz Wotruba ist in Hrdlickas
Werken erkennbar: Er blieb der figürlichen Darstellung des menschlichen
Körpers verhaftet, und zwar sowohl in seinen Plastiken als auch in
seinen Zeichnungen. Ein charakteristisches Beispiel für seine Ästhetik
ist etwa die muskelbepackte "Hommage an Sonny Liston", einen
US-Schwergewichtsboxer. Da er in seinen Plastiken immer wieder
einerseits Muskelstränge betonte, andererseits durch Weglassung von
charakteristischen individuellen Merkmalen zur vereinfachenden
Typisierung neigte, wurde ihm vorgeworfen, er habe die Ästhetik des
sozialistischen Realismus der Sowjet-Kunst übernommen. Allerdings ist
es eine Ästhetik, die auch beim frühen Wotruba erkennbar ist. Insoferne
haben Hrdlickas Kritiker unzulässigerweise eine politische Einstellung
mit einem ästhetischen Ansatz vermengt.
Denn Hrdlickas politische Einstellung war kein Geheimnis: Hrdlicka
war Kommunist und Atheist. Der Künstler selbst wurde in seiner Jugend
von Nazis mehrfach verprügelt. Als die Sowjetarmee in Wien
einmarschierte, war er diesen Soldaten für die Befreiung dankbar. Er
brachte die Befreiung mit Stalin in Zusammenhang und bekannte sich auch
noch als Stalinist, längst nachdem dessen Verbrechen offenkundig waren.
Hrdlicka hat nie gezögert, politisch Stellung zu nehmen und Zeichen
zu setzen: Als etwa Kurt Waldheim während seines
Bundespräsidentschafts-Wahlkampfes (1996) sagte, er selbst sei nie bei
der SA Mitglied gewesen, er sei nur in einer SA-Organisation reiten
gewesen, sagte der damalige Bundeskanzler Fred Sinowatz (SPÖ): "Ich
stelle fest, dass Kurt Waldheim nie bei der SA war, sondern nur sein
Pferd.” Daraufhin schuf Hrdlicka ein hölzernes Pferd für Kurt Waldheim,
das während der Demonstrationen stets dabei war.
Alfred Hrdlicka galt als sensibler Berserker, der mit seinem gewaltigen Lebenswerk polarisierte.
Printausgabe vom Montag, 07. Dezember 2009
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