28.08.2003 19:22
Sektion einer Gattung
"Abstraction
now": Der Titel der Künstlerhaus-Ausstellung darf ruhig etwas ironisch
verstanden werden - Foto
72 nationale wie internationale Kunstschaffende der jüngeren
Generation verschränken unter diesem Begriff spannend konzeptuelle Zusammenhänge
zwischen den Disziplinen.
Wien - Tonnenschwer liegt das Malerei-Erbe auf den Schultern, trotzdem entsteht
unermüdlich immer wieder ein "Bild nach dem letzten Bild". In den vergangenen
Jahren füllen sich Ausstellungshallen weltweit auffällig oft mit Malerei, mit
figurativer (Painting on the Move, "Lieber Maler . . ."). "New Spirits in
Painting" könnten schon den ganzen Kunsthimmel füllen. Fotorealistisch zu malen
etwa, vor einem Jahrzehnt so gut wie verpönt, liegt heute zwischen hip und
Mainstream, auch eine Reverenz an den an der allgemeinen Konjunkturschwäche
leidenden Markt.
"Malergenies" wie in den 80er-Jahren sind eine
aussterbende Gattung. Vielmehr bildet sich eine junge, oftmals mit Pseudonymen
kodierte Generation, die ein quasi natürliches Verhältnis zu den neuen Medien
aufbringt. Und die, bedingt durch die allgemeine Computerisierung,
Allroundkünstler sind, als Grafiker, Maler, Progammierer, Videoartisten.
So einer ist Norbert Pfaffenbichler, Jahrgang 1967, mit Sandro Droschl
Kurator und Ideengeber für die aktuelle Abstraction Now im Künstlerhaus. Eine
Spur spät, aber gerade noch rechtzeitig haben sie die bereits vor drei Jahren
konzipierte Schau mit 90 Beiträgen von 72 Kunstschaffenden fertig gestellt.
Hinter dem fast professoralen, epochalen Titel verbirgt sich ein
augenzwinkernder, spielerischer Umgang mit dem Begriff nonfigurative Kunst und
dessen Geschichte.
Das fängt schon einmal beim Boden an. Einzelne
Arbeiten, allesamt eine Gegenüberstellung von internationalen Größen wie Sarah
Morris oder Carsten Nicolai mit auffallend guten und größtenteils unbekannten
heimischen Künstlern, teilen Bodenlinien. Das gibt den Riesenräumen Pepp und
Struktur. Ein - auch aus der Geldnot geborener - Schachzug der Architekten
Pretterhofer"Spath.
Abstraktion dient als Ausgangspunkt, der so aussehen
kann, dass ein riesiges Raummodul von "farmersmanual" völlig unauratisch zum
Bewegen oder Beklettern rumsteht. Oder dass ein per Internet gefundener
Schweizer Grafiker Teile seiner "Fehlersammlung" (Töne, Kopien, Fotos)
präsentiert, dass Grafiker wie "norm" (CH) einen Sign Generator basteln.
Abstraktion kann aussehen wie ein Bücherregal, nur ist es einmal ein mit
Silberschicht versehener Minimalismus-Anklang von Georg Tagwerker. Oder die
vermeintlichen Regalordner stellen sich als ComputerScroll-Leisten heraus wie
beim originellen Beitrag des Niederländers Jan Robert Leegte.
Form
mit Norm
Die Fotografie produziert beispielsweise extreme Nahsichten
von Banalem (Lisa Holzer). Schon Josef Albers hatte für seine Bilder normierte
Industriefarben verwendet. Viel mehr noch gehen die heutigen Künstler von
Industriestandards aus, so etwa von der vorgegebenen, normierten Farbpalette von
Computerbetriebssystemen wie bei Pfaffenbichler/Schreiber. Der Kurator,
ehemaliger Medienstudent, gelangte über eigene Cyberpunk-Filme zu mehr
analytischen Arbeiten (u. a. für Musiker Christian Fennesz) und betreute eine
Zeit lang die "Austrian Abstracts"-Filmreihe für die Diagonale.
Mit dem
Raum verklammern ihre monochromen Flächen etwa Liam Gillick, die Berlinerin
Doris Marten sowie die Pistoletto-Schülerin Lisa Lyon, die ihre Platten
respektlos-keck auf Rollen daherführt. Walker/Hill heften ihre Abstraktionen
zusammen: Normblätter fixieren sie mit Pressklammern; die Sicht auf die Kanten
ergibt Bild wie Skulptur.
Wenn so Abstraction now aussieht - dann her
damit. Klug, kühn, lebendig, voller Rückbezüge auf die Großen und ohne
Albernheit. Im Verein mit dem von Lia sowie Miguel Carvalhais zusammengesetzten
Internet/Medialounge-Projekten, dem Kinoprogramm Maths in Motion im
Künstlerhaus-Kino bis dato Österreichs Ausstellungsereignis des Jahres. (DER
STANDARD; Printausgabe, 29.08.2003)