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Doris Berger Renée Green zeigte unlängst in der Pat Hearn Gallery, New York, eine Zusammenstellung neuer Arbeiten, die sich unter anderem Fragen der auditiven Wahrnehmung und deren Grenzen widmete. Greens Arbeiten sind meist ‹projects in progress›. Das folgende Gespräch zwischen Renée Green und Doris Berger wurde anlässlich der Ausstellung ‹Between and Including› im April 1999 in Wien geführt.
Between an Including

Anknüpfungspunkte und Links zu den Installationen von Renée Green

links: Renée Green, Wien 2000; Foto: Eliane Laubscher
rechts: Between and Including, 1999, Ausstellungsansicht Secession Wien; Foto: Margherita Spiluttini

Doris Berger: Deine Ausstellung in der Wiener Secession trug den Titel ‹Between and Including›. Kannst du erläutern, worauf sich dieser bezieht?

Renée Green: Ich verwendete einen Teil eines anderen Ausstellungstitels, der ‹Between and Including. A to Z Film Index›
lautete, unter welchem ich letztes Jahr in Mailand meine Arbeit ‹Some Chance Operations› zeigte. Aber ‹Between and Including› hat mehrere Referenzen. Ich interessiere mich für die Diskrepanz zwischen den Begriffen ‹dazwischen› und ‹einschliesslich›. Mir ging es darum, bereits existierende Arbeiten zusammenzufügen, ohne daraus eine Retrospektive zu machen. Diese Gegenüberstellung erlaubt mir zu beobachten, wie ein Dialog zwischen Arbeiten entsteht, die während einer bestimmten Zeitspanne, in diesem Fall während dreier Jahre, produziert wurden. Es ergeben sich die verschiedensten Bezüge, die man nicht erkennen kann, wenn man nur eine Arbeit sieht. Ich wollte herausfinden, wie die Ideen untereinander zirkulieren, in diesem Sinne: ‹Between and Including›.

DB: Die Ausstellung beschäftigte sich auch mit der Konstruktion von Geschichte. Du hast verschiedene Installationen geschaffen, in denen Bezüge auf Geschichte zu finden waren. Glaubst du, dass sich ein statisches Geschichtsbild verändern könnte, wenn gezeigt wird, dass Schreiben und Erzählen durch biografische Erfahrungen geprägt wird?

RG: Biografische Elemente können verhärtete Vorstellungen nicht aufweichen. Ich arbeite mit einem Netzwerk von Ideen, das ich ständig zu variieren versuche. Ich benutze dabei auch Material aus meinem Leben und beschäftige mich im weitesten Sinne mit der Konstruktion von Subjektivität. Ein ‹Ich›, das als Subjekt in verschiedenste Bezüge, soziale, historische sowie zeitgenössische eingebettet ist. Ich bin mir nicht sicher, wie Menschen Geschichte rezipieren. Wenn man sich die Situation im Balkan ansieht, scheint es, dass der Begriff von Geschichte ziemlich fixiert ist. Geschichte scheint eine ständig klaffende Wunde zu sein, an der sich die Menschen festhalten. Ich reflektiere Geschichte mehr in Form von Zitaten.

DB: Was verstehst du darunter im Bezug auf deine Ausstellung?

RG: Obwohl ich historische Referenzen verwende, denke ich eher in einer Vielzahl von Bezügen, die sich über einen weiten Zeitraum erstrecken. An der Arbeit ‹Partially Buried in Three Parts› wird dies vielleicht am offensichtlichsten. Ich wollte die spezifisch historischen Referenzen den zeitgenössischen Bezügen gegenüberstellen. Das bedeutete in dieser Arbeit eine Reflexion des Jahres 1970 sowie der siebziger Jahre als Jahrzehnt, dessen Stil zur Zeit hoch in Mode ist.

DB: In welcher Weise benutzt du dann deine eigene Biografie?

RG: Meine Arbeit wurde verschiedentlich als eine Verschränkung von privater und öffentlicher Geschichte beschrieben. Ich nehme oft auf meine eigene Wahrnehmung Bezug und knüpfe dazu Verbindungen, obwohl ich mir bewusst bin, dass ich meine Wahrnehmungsmuster ja auch nicht von aussen betrachten kann.

DB: Du beziehst in deinen Arbeiten immer die spezifischen Situationen eines Ortes mit ein. Als Ausgangspunkt für ‹Partially Buried in Three Parts› hast du die historische Position von Robert Smithsons ‹Partially Buried Woodshed› von 1970 verwendet. Was denkst du über seine Zweiteilung von ‹Site› und ‹Non-site›?

RG: Um diese Dialektik kreist das Video ‹Partially Buried›, das sich auch auf Smithsons Schriften bezieht. Eine meiner wichtigsten Fragen war, wie kann man heute über einen ‹Site› nachdenken. Auch Smithson stellte sich diese Frage. In seinen späteren Texten merkt man, wie diese Zweiteilung zusammenbricht. Für mich sind Galerien keine ‹Non-sites›. Ich denke, dass ‹Sites› mobil sind, manchmal vielleicht auch mit fester Bedeutung. Es hat wesentlich mit dem Wahrnehmungspaket zu tun, das jeder von uns mit sich trägt. Um die Dialektik eines ‹Sites› ging es auch in einer früheren Arbeit, die ‹Taste Venue› hiess. Ich verstand die Galerie als einen Ort, der aktiviert wurde, um für etwas anderes benutzt zu werden.

DB: Wie hat sich dieser Ort dann verändert?

RG: Ich tauschte mit Leuten Dinge für die Dauer der Ausstellung aus, die in die Benutzung des Ortes miteinbezogen wurden. Dies reichte vom Handel mit Naturalien bis zum Geldtausch. Die Galerie lag in Soho in New York. Es war die letzte Ausstellung, bevor sie nach Chelsea umzog. Ich habe die Galerie als einen hippen Ort in einer teuren Gegend zu einem günstigen Preis ausgeschrieben und war neugierig auf die Antworten, die ich darauf bekommen konnte. Dieses Projekt machte die unterschiedlichen Interessen der Leute sichtbar, die wiederum die Entscheidungen, einschliesslich kultureller, beeinflussen. Ich produzierte auch ein Video, das einige Ereignisse dieser Zeit um 1994 dokumentierte.

DB: Für die Ausstellung in Wien hast du ein Labyrinth von Räumen gebaut. Die Besucher und Besucherinnen konnten dadurch die Ausstellung nie als ein Ganzes wahrnehmen. Worauf spielt diese Inszenierung an?

RG: Ich dachte darüber nach, wie Architektur Erinnerung spiegeln kann, über überlieferte räumliche Umsetzungen, wie sie beispielsweise bei Giordano Bruno zu finden sind. Ich wollte etwas entwickeln, worin man sich bis zu einem gewissen Grade tatsächlich verlieren, wo man aber auch etwas Vertrautes wiederfinden konnte, etwas wie einen Wohnraum, in dem man bestimmte Dinge wiedererkannte. Gleichzeitig sollte sich in diesen Räumen auch eine bestimmte Spannung ergeben. In ‹Partially Buried in Three Parts› fand man beispielsweise sehr gemütliche Sitzecken. Gleichzeitig stellte das dort präsentierte Material, das von Musik bis zu Filmen und Videos der siebziger Jahre reichte, diese rein formelle Aneignung eines Stils wieder in Frage. Als ich die Arbeit 1996 realisierte, befanden wir uns gerade auf dem Höhepunkt des siebziger Jahre Revivals, aber die meisten Dinge verwiesen nicht weiter als auf den Stil der Zeit. Über diese Phänomene der Populärkultur habe ich auch einen Essay in ‹Loving the Alien› geschrieben. Ich stelle darin die siebziger Jahre als eine Art ursprünglicher Kulissenfantasie dar. Diese Haltung findet man in Filmen wieder, die sich auf die siebziger Jahre beziehen. ‹The Ice Storm› war der erste dieser Beziehungsfilme, den ich gesehen hatte. Er verflocht das Drama dieser Zeit mit einer häuslichen Szene, welche sich auch auf die damalige politische Situation bezog.

DB: Ein auffälliges Merkmal deiner Arbeiten ist, dass sie immer mit sehr dichten, unterschiedlichen Informationen aufgeladen sind. In ‹Between and Including› fanden sich in manchen Räumen so viele Informationen, dass man diese unmöglich bei einem Besuch
aufnehmen konnte. Für mich war dies eine Metapher für die Vorstellung einer fragmentierten Geschichte als auch eine Reflexion unserer täglichen Realität, in der wir ständig dazu aufgefordert werden, Informationen auszuwählen.

RG: Dies sind indirekt Bezüge zu unterschiedlichen Projekten, wie beispielsweise auch in ‹Import/Export Funk Office› von 1992. Jemand hat diese Arbeit beschrieben als: ‹how much there is to know›. Ich konfrontiere die Besucher und Besucherinnen tatsächlich mit der Unmöglichkeit, alle Informationen aufnehmen zu können. Gleichzeitig habe ich mich sehr präzise für bestimmte Dinge entschieden. Eigentlich geht es auch hier um das ‹Dazwischen›, um eine Sättigung von Material, innerhalb dessen man die verschiedensten Anknüpfungspunkte und Links finden kann. Ich versuchte, Orte zu schaffen, die sehr dicht waren, und andere, in denen wenig vorzufinden war. So konnte man nie sicher sein, was einen als Nächstes erwartet.

DB: Du arbeitest neben deiner künstlerischen Praxis auch als Autorin, Kritikerin und Professorin an der Akademie für Bildende Künste in Wien. Du bist sehr versiert im Feld der Cultural Studies. Wie verbindest du diese Tätigkeiten?

RG: Ich gehe immer an beide Seiten – Theorie und Praxis – in einer Weise heran, die dem Medium, das ich benutze, inhärent ist. Ich wurde auch in beiden Bereichen ausgebildet. Ich habe viele Jahre publiziert und an der Liberal Arts University studiert. Somit war ich selbst immer ‹between and including›. Ich bin mir durchaus bewusst über die Fallen, die diese Art von Praxis mit sich bringt. Manchmal schreibe ich auch über Musik und andere Dinge und versuche, die erlernten Fähigkeiten bestmöglichst, je nach Bereich, zu nutzen. Je mehr ich jedoch mit Film und Video arbeite, umso mehr kommen beide Bereiche zusammen. Ich schreibe die Drehbücher und habe so die Möglichkeit, mit dem Text sowie mit der visuellen und auditiven Ebene zu arbeiten.

DB: Wie verändern sich die einzelnen Projekte für dich, wenn du sie in einem anderen Kontext siehst? ‹Flow› war eine Arbeit, die du für und über die Schweiz gemacht hast und die 1996 im Fri-Art in Fribourg gezeigt wurde.

RG: Ursprünglich habe ich ‹Flow› dort begonnen, aber es gibt auch eine Website, die nur zu updaten ist, somit ist diese Arbeit noch offen. Ich wollte die Vorstellung einer neutralen Schweiz stören und gleichzeitig darüber nachdenken, was Neutralität überhaupt bedeuten kann. Gleichzeitig handelt diese Arbeit auch von der Imagination.

DB: Den Stereotypen, die wir von bestimmten Orten haben?

RG: Ja, und von Fantasien, welche die stereotypen Vorstellungen einer alpinen Region kreuzen. Anhand einer Gegenüberstellung von Musikbandnamen der letzten zwanzig Jahre und Schweizer Landschaften sowie Dichtern und Malern aus dem 19. Jahrhundert beschäftigte ich mich mit Romantik und mit sich ändernden Vorstellungen des Sublimen. Ich wollte mit Gefühlen, die mit dem Wunsch nach Freiheit assoziiert werden, arbeiten. Da die Menschen sehr unterschiedliche Wünsche haben, liegen diese selbst ‹zwischen und innerhalb› vieler Dinge. Auch Geschichte und Fiktion liegen in dieser Diskrepanz. Aber um auf deine Frage zurückzukommen, es ist nicht immer notwendig, die Arbeit nur an dem Ort zu zeigen, für den sie bestimmt war. Ich zeige beispielsweise Teile von ‹Partially Buried in Three Parts› auch als gekürzte Version, weil ich meine Arbeit für ein unterschiedliches Publikum zugänglich machen will. Auch die Bücher, die ich produziert habe, sind Teil meiner Arbeit, wie beispielsweise ‹Camino Road›. Dieser kleine Roman existiert ebenfalls für sich, obwohl er Teil einer Installation war.

DB: Deine Arbeiten fordern dazu auf, mit deinen Vorschlägen weiterzuarbeiten. Wie wichtig sind dir die Reaktionen der
Besucher und Besucherinnen?

RG: Eine Ausstellung bietet immer die Möglichkeit zu sehen, wie Leute in unterschiedlichen Umständen reagieren. Manchmal ist dies sogar ein Indikator für das Denkklima eines Ortes. Das ist nicht vorhersehbar und deswegen interessiert es mich. Ich dirigiere bis zu einem bestimmten Grad und schaue, was dann passiert, was die Leute daraus machen.

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Ausgabe: 07 / 2000
Autor/in: Doris Berger
Künstler/in: Renée Green

 

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