Für die Ausstellung werden Bestände der Sammlung Essl mit Teilen der
weltberühmten Sonnabend Collection zusammengeführt – eine spannende
Gesamtschau zweier unterschiedlicher Sammlerphilosophien.
Schaufenster: Wie kam es zu dieser
Zusammenarbeit?
barbara steffen: Herr Essl bat mich, eine
Ausstellung über amerikanische Kunst mit Werken aus seiner Sammlung und
anderen Werken zusammenzustellen. Um einen Kontext zu schaffen, war ich am
Thema „Sammeln“ an sich interessiert und überlegte daher, welche
Privatsammlung amerikanische Kunst adäquat
vertritt.
Warum fiel Ihre Wahl auf die Sonnabend
Collection?
Ein Grund, warum ich Ileana Sonnabend ansprach,
war, dass ihre Sammlung Schwerpunkte von der frühen Pop Art über Minimal
bis Concept Art beinhaltet, während der Akzent bei der Sammlung Essl vor
allem auf der Kunst seit den 80er-Jahren liegt. Dadurch kam eine fast
lückenlose historische Ausstellung von US-Kunst seit den frühen 60ern zu
Stande.
Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den
Sammlern?
Ileana Sonnabend ist eine Dame von 90 Jahren, die
die Abwicklung des Projekts ihrem Galerienmanager Antonio Homem überließ.
Für die Auswahl der Künstler arbeitete ich eng mit ihm zusammen. Das
Ehepaar Essl stellte mir alle Werke amerikanischer Künstler aus ihrer
Sammlung zur Verfügung, daraus konnte ich wählen. Es war ein sehr
kreativer Prozess, bei dem wir über jeden Künstler und jedes ausgewählte
Bild sprachen, und der uns allen viel Freude machte.
In
der Ausstellung werden die beiden Sammlungen voneinander getrennt jeweils
in einem Museumsflügel gezeigt. Wie unterscheiden sich die Sammlungen in
ihren Profilen?
Die „Profile“ entsprechen im Grunde ganz den
Sammlerpersönlichkeiten: Bei Sonnabend spürt man den Hintergrund ihrer
eigenen Lebensgeschichte – dass sie als erste Frau des legendären
Galeristen Leo Castelli mit ihm in New York ab den frühen 60ern Künstler
wie Warhol, Johns, Rauschenberg entdeckte. Obwohl beide auch eng mit
älteren Künstlern – etwa Pollock und de Kooning – befreundet waren,
entschieden sie sich bei der Eröffnung ihrer ersten Galerie für Jüngere,
um die gerade aufkommende Pop Art zu unterstützen – ohne dass sie es
damals als „Pop Art“ erkannten. Wie heute sahen die Sammler einfach die
Arbeit der einzelnen Künstler und erkannten darin etwas Neues.
Das
Sammlerprofil der Essls ist ein anderes, die beiden bemühen sich erst seit
einigen Jahren um amerikanische Kunst. Was die Sache aber interessant
macht, ist, dass sich österreichische Sammler so intensiv mit
zeitgenössischer US-Kunst beschäftigen – mit unglaublichem Einsatz,
Interesse und Qualitätskriterien. Ein weiterer interessanter Aspekt ist,
dass sich – das bestätigte mir auch Sonnabend, durch ihre erweiterte
Galerientätigkeit in Paris während der 70er-Jahre – europäische Sammler
viel mehr mit der bildenden Kunst Amerikas auseinander setzen als
umgekehrt: amerikanische Sammler integrieren in ihre Sammlungen vielleicht
einige Top-Künstler wie Richter oder Polke, im Großen und Ganzen aber
sammeln sie fast exklusiv US-Kunst.
Wie lässt sich ein
„Überblick“ schaffen, ohne die Exponate miteinander zu
vermengen?
Einerseits sind die Sammlungen räumlich voneinander
getrennt, um die Unterschiede wie auch Gemeinsamkeiten zu verdeutlichen.
Andererseits ergibt sich aus der Raumfolge ein historischer Ablauf von der
Pop Art, Minimal Art, Anti-Form über die Concept Kunst der 70er und
Farbfeldmalerei bis hin zur neo-expressionistischen Malerei der
80er-Jahre, der Fotokunst der 80er- und 90er-Jahre sowie Video und
Installationen. Sicher fehlen Künstler, doch sind die wichtigsten
Positionen der Entwicklungder US-Kunst ab 1960 durch erstklassige Werke
abgedeckt.
Zum Titel: Inwiefern kann Kunst „Visions of
America“ spiegeln?
Denken Sie an Warhols „Brillo Boxes“ oder
sein Liz-Taylor-Porträt. Werke wie diese sind eng mit der populären Kultur
und Gesellschaft Amerikas verwoben und hätten in Europa nicht entstehen
können. Auch Jeff Koons’ Hoover-Staubsauger sind eine Antwort auf die
amerikanische Pop Art, wenngleich man dabei natürlich an Marcel Duchamp
denkt, der vor allem für die amerikanische Kunstentwicklung bedeutend
war.
Eine Sammlung ist immer auch Spiegel persönlicher
Vorlieben. Wie lässt sich in einer Ausstellung der Spagat zwischen diesem
subjektiven Anspruch und der Idee, Strömungen und Entwicklungen eines
halben Jahrhunderts nachzuzeichnen, bewältigen?
Diese
Ausstellung ist keine rein kunsthistorische Aufarbeitung, dies hätte ganz
anderer Forderungen und eines anderen Zeitrahmens bedurft. Der Titel soll
die Art der Ausstellung umschreiben: Zum einen die Visionen der Sammler,
wie und welche Werke amerikanischer Kunst sie für sich in Anspruch nehmen
und wie sie auf die amerikanische Kultur reagieren. Zum anderen geht es
immer um die „Visionen“ der Künstler, um ihre Themen und den äußeren
Einfluss von Gesellschaft, Politik und Leben in Amerika. Letzteres
unterscheidet sich beträchtlich von Europa.
Tipp:
Visions of America: 21. 10. 2004– 6. 3. 2005, Sammlung Essl.
http://www.sammlung-essl.at/
Tel:
02243/370 50 DW 150