Das Kokain der Broker heißt Geldrausch
Sibylle Fritsch Wien (SN). „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Insolvenz des Kapitalismus.“ Diese Abwandlung des kommunistischen Manifests ist einer der Sprüche, die Peter Weibel auf hässlichem braunen Karton an eine Wand der Wiener Galerie Grita Insam genagelt oder geklebt hat. Ein Konglomerat aus Buchseiten, Zitaten, Gedankenfetzen und Schlagzeilen, die sich mit der aktuellen Wirtschaftskrise befassen, ist da zu sehen in der ersten Personale des österreichischen Künstlers und Direktors des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe.
In Sprache lassen sich die Virtualität der Geldflüsse, ihr Versiegen und der schwer fassbare wirtschaftliche Zusammenbruch leichter umsetzen als sie zu visualisieren. Aber genau das hat sich Weibel vorgenommen, um das Schweigen der Künstler angesichts der globalen Krise zu brechen. Schon im Ausstellungstitel „Lines of Crimes“ vermitteln sich Rausch, Sucht und Kick-Charakter der Aktien- und Börsewelt: The real dope is virtual money, heißt es da. Und eine Fotomontage zeigt einen sektschlürfenden Broker vor der Zickzacklinie eines Aktienkurses, der eigentlich eine Kokainstraße ist. Fotos von desolaten Gebäuden dokumentieren, wie sich der Slogan deutscher Banken erfüllt hat: „Bankers do it better.“
Mit Wasser gefüllte Vitrinen präsentieren anstelle hübscher teurer Schmuckstücke oder kostbarer Kunst das Elend der Welt: Da zappeln Männchen an abgesunkenen schweren Geldsäcken noch über Wasser – ihr Untergang ist eine Frage der Zeit. Oder es schwimmt eine hübsche kleine Villa mit Palmen und Pool auf dem Wasser – als „Spitze des Eisbergs“, denn an ihrer Unterseite hängen untergegangene Einfamilienhäuser.
Dies alles ist nicht bierernst, sondern mit klug verschmitztem Witz aufbereitet. Doch es wäre nicht Weibel, würde er sich nicht auch eine persönliche Spielwiese schaffen. Im hinteren Galeriebereich können Besucher einen Blick auf seine Zukunft werfen: auf Modelle einer Wohnturmbibliothek. Die Innenwände des Turms sind mit Büchern ausgestattet und man kann dem Künstler beim täglichen Leben zusehen. Ein Lift ist spartanischer Lebensraum mit Tisch und Bett, er fährt mit Hilfe eines Computersystems zum gewünschten Buch. Nicht nur seinen Wohntraum, auch die Zukunft des Fernsehens zeigt der Künstler in einem reichen Bilderleben mit Weibel als Akteur und einem Buch von Weibel, das sich aufblättert und in dessen Sternbildwelten der Seher eintauchen kann.
Das Gegenstück zu „Schöner Wohnen“ ist eine begehbare Armutsinstallation: „Die moderne Finanzarchitektur“ heißt ein aus Resten gebasteltes Häuschen, wie aus den Slums der Dritten Welt, mit einer alten Sonnenliege als Bett und einem Armanisackerl als Kopfkissen. – Banker aller Länder vereinigt Euch!Internet: www.galeriegritainsam.at




















