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Artikel aus dem EXTRA Lexikon

Alfred Hrdlicka - Der Berserker mit dem Hammer

Alfred Hrdlicka vor einer seiner Zeichnungen.  Foto: APA/ Helmut Fohringer

Alfred Hrdlicka vor einer seiner Zeichnungen. Foto: APA/ Helmut Fohringer

Von Oliver Bentz

Alfred Hrdlicka begreift das Fleisch als die eigentliche Materialität des Menschen. Es ist die Grunddimension der Kunst und die prägbare Materie des Menschen; geprägt nicht nur durch Straffen, Anspannen oder Erschlaffen, geprägt vor allem durch Spuren der Geschichte, durch Wunden und Narben, Amputationen und Prothesen. Das Fleisch ist der Boden, auf dem sich der Geist der Gewalt unter den Menschen austobt, vor allem, wenn einer dem anderen das Lebensrecht verwehrt." So beschreibt Friedhelm Mennekes die Kunst Alfred Hrdlickas.

Ohne Zweifel ist der Wiener Bildhauer, Maler und Graphiker, der am 27. Februar 80 Jahre alt wird und sich zeitlebens den wechselnden Moden und der Oberflächlichkeit des Kunstbetriebs verweigerte, einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart. Denn dieser "wichtigste Revolteur-Künstler unserer Epoche nach der Nazi-Diktatur" (Dietrich Schubert) folgt in seiner Kunst den Menschen an jene Orte, an denen sie ihre Masken und Hüllen fallen lassen. Er zeigt sie unerbittlich, indem er ihr wahres Gesicht offen legt, in ihrer bestialischen Brutalität einerseits und in ihrem bitteren kreatürlichen Leiden andererseits.

Der Mensch im Chaos

Deshalb ist Hrdlickas Kunst auch keine glatte Kunstmarkt- und Kunstbetriebskunst, bei der die soziale und ökonomische Verwertung schon in den Werken eingeschrieben ist und die sich heute oft so wichtig hervortut – aber doch nur dekorativ die Wände schmückt. Hrdlicka, schrieb Elias Canetti, dieser "Chaotiker, ist außerstande, vom Menschen abzusehen. Wo anders als am Menschen sollte er sein Chaos nähren. Er ist heftig, er verachtet die Leichtigkeit, er sucht sich schwere Techniken aus, eine Art Leidenschaft für die Mühe zeichnet ihn aus, (...) er hat sich die Erregung bewahrt, ohne die eine solche Existenz sehr bald vertrocknet."

Alfred Hrdlicka, der nach einer Zahntechnikerausbildung von 1946 bis 1952 an der Wiener Akademie der bildenden Künste Malerei bei Albert Paris Gütersloh und Josef Dobrowsky und dann von 1953 bis 1957 Bildhauerei bei Fritz Wotruba studierte, hielt im Gegensatz zur damaligen Tendenz in Richtung Abstraktion konsequent an seinem figurativ-expressiven Stil fest und löste durch seine Wahl politischer und gesellschaftskritischer Themen sowie seine provokanten öffentlichen Äußerungen wiederholt heftige Diskussionen aus. Auch Obszönität warf man seinen Kunstwerken immer wieder vor, "dabei enthüllt" , so Hans Dieter Schütt, die "Obszönität seiner Darstellungen (. . .) nichts anderes als die Obszönität im menschlichen Miteinander. Hrdlickas Menschlichkeit ist der permanente Angriff gegen die Unmenschlichkeit."

Hrdlicka entwickelte eine eigenständige, expressiv-drastische Form der öffentlichen Plastik. Das bezeugen Werke wie das "Renner-Denkmal" an der Wiener Ringstraße (1967), das heftige Proteste einer "Liga gegen entartete Kunst" hervorrief, das Berliner Benno Ohnesorg-Mahnmal "Der Tod des Demonstranten", das 1971 geschaffen, aber erst 1990 vor der Berliner Staatsoper aufgestellt wurde, sein nach langen Auseinandersetzungen mit der Stadt Hamburg Torso gebliebenes "Gegendenkmal" zum "Denkmal für das 76er Infanterieregiment Hamburgs von 1936" am Dammtordamm (1985/86), das "Denkmal für Friedrich Engels" in Wuppertal (1981) oder das jahrelang angefeindete "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus" auf dem Wiener Albertinaplatz (1988/91).

Hrdlickas Bildhauerkunst zeigt Menschenbilder, die vom Schicksal gezeichnet sind. Er erfüllt den Stein mit menschlichem Leben und lässt ihn Fleisch werden. Im Arbeitsprozess deformiert und drangsaliert er – entgegen den idealen Maßen der Statuen der Antike – die menschliche Figur, er staucht die Proportionen zusammen. Nicht im Schönen, sondern im Hässlichen, im Schmerz und im Leiden sieht Hrdlicka die Wahrheit. Auch in seinen mittlerweile über 1500 Graphiken, meist Radierungen – etwa seinen großen Radierzyklen "Wie ein Totentanz – Die Ereignisse des 20. Juli 1944" (1974), "Wiedertäufer" (1983 – 1985), "Französische Revolution" (1985 – 1989) oder "Die Revolution 1848" (1998) –, ist Hrdlicka immer zutiefst jener humanistischen Utopie verpflichtet, der zufolge Literatur und Kunst den Betrachter aufrütteln, zu Einsichten führen und in positiver Weise verändern sollen. Besonders in seiner Graphik verfügt er über einen Vorstellungskosmos, einen Einfallsreichtum und eine Phantasie, die so reich sind, wie bei kaum einem anderen zeitgenössischen Künstler – ganz abgesehen von seiner exzeptionellen handwerklichen Meisterschaft.

Politische Parteinahmen

Nicht wenige in Wien nehmen dem bekennenden "Linken" Hrdlicka (der in seinem aufklärerischen Impetus nie nachgelassen hat, gegen Krieg, Machtmissbrauch und Unterdrückung zu kämpfen) seinen "Straße waschenden Juden" als Teil des Mahnmals am Albertinaplatz bis heute übel – ebenso sein "Holzpferd", das er dem ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim einst in alle Welt hinterherschickte, um dem erinnerungsschwachen Politiker immer wieder vor Augen zu führen, dass sein Pferd bei der Reiter-SA gewesen war.

So verwundert es nicht, dass die umfassendste der über zwanzig Geburtstagsausstellungen, die den Künstler jetzt feiern, in Deutschland konzipiert wurde und sich Wien, so Hrdlicka kürzlich bei der Eröffnung dieser großen Schau in Schwäbisch Hall, "wieder mal verstecken kann".

Dieser unter den lebenden Künstlern eindrücklichste Schilderer der menschlichen Figur in allen erdenklichen Zuständen des Leidens, der Krankheit, der Schändung, des Todes und der Sexualität in ihren verschiedensten Ausprägungen, hat sich auch selbst nie geschont. Am harten Werkstoff Stein hat er sich die Gelenke zerschunden, jede seiner dreidimensionalen Arbeiten hat er von Anfang bis Ende selber ausgeführt. Sein Rückgrat schmerzt ihn nun genauso wie seine Hände. "Heute kann ich nur noch zeichnen", sagt Hrdlicka unzufrieden und manchmal verzweifelt. "Wohl die wenigsten haben", schrieb der Galerist Wolfgang Grätz, "Hrdlicka aufgrund seines exzessiven Lebensstils das Erleben des 80. Geburtstages zugetraut."

Nun kann dieser unverbesserliche Humanist dieses Jubiläum begehen. Er, der seit 1964, als er gemeinsam mit Herbert Boeckl Österreich auf der 32. Biennale in Venedig vertrat, einer der meistgeschätzten österreichischen Künstler nach 1945 ist, hat die Würde der Kunst als Zentrum gesellschaftlicher Ethik gegen deren Verkommen zu Spekulation, Mode und inhaltsleerem Spektakel standhaft verteidigt.

Bleibt zu hoffen, dass die Haltung des Berserkers mit Hammer und Meisel, die Hrdlicka auch als gefragter Professor an den Kunsthochschulen in Stuttgart (1971 – 73 und 1975 – 86), Hamburg (1973 – 1975), Berlin (1986 – 89) und Wien (ab 1989) vermittelt hat, deb Vertretern zukünftiger Künstlergenerationen als Vorbild dienen möge und dass (wie sich’s Günther Nenning einst wünschte) "dieser Felsen im Meer der Schleimigkeit, dieses Urvieh (...) bitte bleibt (...) wie’s ist. "

Ausstellungen

Zum 80. Geburtstag Alfred Hrdlickas präsentieren über 20 Ausstellungen Proben seines Schaffens. Die umfangreichste davon ist: "Alfred Hrdlicka – Bildhauer, Maler, Zeichner", die die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall bis 29. Juni 2008 zeigt. Der ausgezeichnete Katalog ist im Swiridoff Verlag erschienen und kostet 34,80 Euro.

Die Galerie Ernst Hilger, Dorotheergasse 5, 1010 Wien, eröffnet am 28. Februar um 19.30 Uhr die Schau "Fleischeslust – Akte, Kohle auf Leinwand". Die Ausstellung wird bis zum 5. April gezeigt.

Das Wiener Dommuseum widmet von 11. März bis 17. Mai dem religiösen Werk Alfred Hrdlickas eine Ausstellung mit Zeichnungen, Bronzen und Radierungen.

Oliver Bentz

geboren 1969, lebt als Literaturwissenschafter und Kulturpublizist in Speyer.

Printausgabe vom Samstag, 23. Februar 2008

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