Salzburger Nachrichten am 07. Dezember 2002 - Bereich: kultur
Staatsmacht und ihre Zeichen

Offensichtlich und im Unterbewussten zeigen Staaten ihre Macht und sorgen für Identität. Eine Ausstellung in Wien zeigt einige der Mittel dafür.

LASZLO MOLNAR

WIEN (SN).

Zögerlich nur enfaltet sich das Leben im "quartier 21", der Kunst-"Flaniermeile" im Wiener Museumsquartier. Seit Mitte dieser Woche gibt es einen guten Grund, sich dort etwas Zeit zu gönnen.

Eine Ausstellung wurde eröffnet, die bei erster Betrachtung unauffällig wirkt und ihre Qualitäten erst bei genauerem Hinsehen entfaltet: "re: Leviathan" heißt sie und nimmt auf das gleichnamige Buch von Thomas Hobbes aus dem Jahr 1651 Bezug. Selbstgestelltes Thema der Ausstellung sind "Visuelle Formierungen von staatlicher Macht". Aber es stellt sich heraus, dass es hier um weitaus mehr geht: um die Organisation gesellschaftlichen Zusammenlebens und um die Frage, wie sich das Gebilde eines Staates seinen Mitgliedern und anderen Staaten präsentiert. Mit geringen Mitteln - einer Audio-Installation in der Mitte und neun Schaukästen darum herum - entfaltet die Ausstellung eine gehörige Wirkung.

"re: Leviathan" zeigt Zeichen und Mittel, mit denen staatliche Macht und Souveränität geäußert wird. Das mit der französischen Revolution eingeführte Prinzip der Fahne aus farbigen Stoffstreifen etwa. Sie hat eine entscheidende Wirkung als Identitätsträger und ihr "Design", zum Beispiel im Fall der britischen und der amerikanischen Fahne, wurde sorgfältig an die sich verändernden politischen Gegebenheiten angepasst.

Daher ein Vorschlag des Architekten und Städteplaners Rem Koolhaas für neue Europa-Fahnen, welche das zunehmende Zusammengehen der Staaten wiedergeben. Die Farben aller EU-Länder werden nach der Art eines Strichcodes aneinandergereiht - so eine Fahne wäre sehr flexibel für die Erweiterung der EU. Koolhaas' Entwurf ist auch ein Hinweis, wie weit durch ein Projekt wie das der EU der im 19. Jahrhundert entwickelte Begriff der "Nation" wieder in Frage gestellt wird.

Staaten operieren zu ihrer Identifikation auch mit "Corporate Design". Die Ausstellung verweist auf den deutschen Designer Hans Domizlaff, der seine etwa für Siemens oder Reemtsma entwickelten Corporate Designs auch Staaten empfahl. Am bis heute eindrücklichsten setze diese Idee das Dritte Reich und sein Propagandaminster Goebbels um. Moderne Demokratien gehen diskreter vor: Durch die ständige Wiederholung subtilerer Zeichen - etwa die Form des Wappentiers oder bestimmte Siegel - bringen sie ihre Präsenz optisch zum Ausdruck und signalisieren damit sowohl Integrität als auch Autorität, aber auch Wandel.

Geo-Politik, strategische Entscheidungen für Eroberungen und das Streben nach Kolonien sind nicht nur eine Frage des Kalküls, sondern auch eine der Optik. Verschiedene Staaten haben verschiedene Welt-Bilder, im Sinne des Wortes. Am Beispiel einer dreidimensional faltbaren Weltkarte des amerikanischen Architekten und Philosophen Buckminster Fuller zeigt die Ausstellung, auf welchen geographischen Grundlagen Staaten wie England, die USA oder Japan sich ihre Einfluss-Sphären zurechtlegten. Diese einst militärischen Überlegungen können für eine nunmehr wirtschaftlich "globalisierte" Welt wieder neue Gültigkeit erlangen.

Bis 26. 1. 2003 im Freiraum im quartier 21, täglich 13 bis 20 Uhr. 13. 4.-11. 5. 2003 in der Kunsthalle Düsseldorf.