Quer durch Galerien
Die Mona Lisa lächelt noch
Von Claudia Aigner
Natürlich könnte ich dem Zens jetzt ganz herzlich dazu
gratulieren, dass er 60 geworden ist. Aber er kann ja eigentlich gar
nichts dafür, dass er immer noch Geburtstag hat. Vermutlich ist es
vielmehr das Verdienst irgendeines launischen Dachziegels, der sich den
freien Fall immer dann verkniffen hat, wenn der Zens unten vorbeigegangen
ist. Oder ein Blumentopf auf einem Fensterbrettl im dritten Stock hat sich
beherrscht. Wie dem auch sei: Danke, lieber Ziegel, und danke, lieber
Blumentopf, dass ihr beide meinen Lieblingsradierer verschont habt!
Zum Geburtstag hat die Galerie Exner (Rauhensteingasse Nr. 12) nun ein
bisschen was vom Zens zusammengestellt (bis 30. Juni). Als Maler ist er
mir ja immer noch zu bunt, da genehmige ich mir lieber seinen
schwarzweißen Tod, der meist eine ordentliche Gaudi hat. Und sein
Radierzyklus zu den grotesken Mumien von Palermo ist sowieso vom nekrophil
Feinsten. Der Zens war freilich nicht immer "bloß" Künstler und
Professor an der Kunstakademie. Nein, einmal war er sogar Klassenvorstand
vom Borg-Kollektiv und hat den so genannten Borg (kommt wohl von "Cyborg")
das Zeichnen beigebracht, jenen kybernetischen Organismen nämlich, die
jede fremde Kreatur, die des Weges kommt, assimilieren und vielleicht kein
kollektives Unbewusstes besitzen, aber immerhin einen kollektiven
Elektrosmog. Momenterl. Haben die Borg nicht erst frühestens im 23.
Jahrhundert die Menschheit kontaktiert und das Klassenfoto (auf dem sich
der Zens seine Cyber-Implantate aber eh nicht anmerken lässt) ist demnach
eine Fälschung? Nicht direkt. Denn im Grunde war er Zeichenlehrer am
völlig irdischen BORG in der Hegelgasse. (Und wenn ich jetzt plötzlich
spurlos verschwinden sollte, dann haben mich Star-Trek-Fundamentalisten
kurzerhand in den Gamma-Quadranten gebeamt. Wegen Unzumutbarkeit.)
Sein Archiv von damals (zwei übervolle Schachteln) ist übrigens
unlängst wieder aufgetaucht. Sind da inspirierend makabre Reliquien drin?
Zum Beispiel das Lächeln der Mona Lisa, 500 Jahre danach, unzensuriert,
sprich: ohne störende Lippen, die das Lächeln ja nur verfälschen (folglich
der exhumierte originale Kiefer)? Oder wenigstens der in Formaldehyd
eingelegte Pestfloh, der Tizian zur Strecke gebracht hat und aus dem man
im Genlabor irgendwann einmal Tizians Pesttod wieder zum Leben erwecken
wird können? Nichts von alledem. Lediglich enttäuschend stinknormale
Kunstpostkarten und dergleichen hat der Zens gesammelt. Da hätte ich mir
von einem Meister des Totentanzes aber Posthumeres erwartet. István
Gyalai (bis 21. Juni bei Gigant - Kunst im Palais, Singerstraße 16) sollte
auf keinen Fall Masseur werden. Dazu ist er zu selbstkritisch. Jede zweite
Kundin würde er wahrscheinlich zerknirscht und frustriert von seinem
Massagetisch schubsen, sein Opus also verwerfen, weil er die Massage
verhaut hat (vielleicht zwei Milliliter zu viel Massageöl verwendet hat).
Jedenfalls wenn er seine Radierplatten "massiert", ist er nicht so bald
zufrieden: "Meine Hand war zehn Grad zu warm." Seine Illustrationen
für die Zeitschrift "Nunc" haben aber Gnade vor seinem (allzu) strengen
Blick gefunden: unaufdringliche Details, die auf seinem Weg zum Atelier
die Wegzehrung für sein Auge sind. Dabei hat er es geschafft, das
Unspektakuläre (etwa "Operationsnarben" im Asphalt) fundamental menschlich
und ziemlich geheimnisvoll aussehen zu lassen. Und von seiner Frau
Georgeta Manu: mehr oder weniger abstrakte Bilder. "Nachdenken an Urbino":
schönes Wetter und Renaissancearchitektur zu einer Farbdelikatesse
verrührt.
Erschienen am: 13.06.2003 |
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