Quer durch Galerien 7.11.2003
Wo Kreditkarten Gassi gehen
Von Claudia Aigner
Ein katholischer Bischof, ein orthodoxer
Jude, ein Buddhist, ein Hindu und ein . . . oder sollte ich lieber sagen:
Der Papst, ein Rabbi, der Dalai Lama, ein . . . ? Nein, das soll jetzt
kein umständlicher Versuch sein, einen Witz zu erzählen. (Denn dann müsste
ich ja vielmehr schreiben: Zwei Hochhäuser kauern sich in einem Keller
zusammen, hocken also eventuell unter einem Wiener Gemeindebau, vermutlich
um den Status von Wien als Weltkulturerbe in keinster Weise zu gefährden.
Sagt das eine, womöglich der Millenniums-Tower, zum andern, also womöglich
zum Andromeda-Tower: "Du, moagn is Weihnochtn." Sagt der Andromeda-Tower:
"Ach, do geh i goa ned erst hin. Do kriagt ma nie an Parkplotz.")
Nein, Kai Kaljo hat obige Personen (den Papst, den Rabbi usw.)
lediglich dabei ertappt, wie sie freudestrahlend auf das Blitzlicht eines
Fotografen zugeeilt sind, während sie, die Kaljo, selbst in Besitz einer
Videokamera war und von ihrem Besitz vollen Gebrauch machte. Dann machten
die Männer des geistlichen Gewerbes kehrt, marschierten ziemlich
emotionslos an den Anfang zurück, setzten dort wieder ihre ambitioniert
enthusiastischen Gesichter auf und alles begann von neuem. Und das an
einem der weltlichsten Orte der Erde, nämlich dort, wo die Leute mit ihren
Kreditkarten "Gassi gehen", auf dass ihre Konten sich hernach erleichtert
fühlen, und wo die Jünger des Gottes Mammon allüberall die Frohbotschaft
verkünden: "Selig sind die Käufer, denn sie werden konsumieren!" Kurzum:
Kaljo wurde in einer amerikanischen Einkaufsstraße unverhofft Zeugin von
Werbeaufnahmen und hat gleich mitgefilmt. Die Videos der Estin, die
also pikanterweise in der Heimat des Fünfjahresplans geboren wurde, in der
Ex-Sowjetunion also, sind sympathisch kurz. "Mirage" (Dauer: eine Minute):
Während der Fahrt durch eine fade Wüste erscheint ganz plötzlich wundersam
eine Fata Morgana aus bunten Lichtern und vielen Verheißungen (Las Vegas).
Die ganz normalen Irritationen im Gelobten Land des Plastikgelds und der
Klimaanlagen. Trachtet da ein gebürtiges "ideologisches Alien" danach, mit
seiner Kamera das Wesen des Kapitalismus zu ergründen, und wundert sich
schlichtweg? Ansonsten stand ich einigermaßen unbefriedigt vor den
Monitoren. Nicht zuletzt wegen der äußerst authentischen
"Amateurvideoqualität". Und vielleicht bin ich als leidenschaftliche
Nichtschwimmerin, die quasi nicht einmal ins Chlorwasser initiiert wurde,
auch einfach zu ignorant, um begeistert zu sein, wenn die Kaljo zunächst
ein paar gemächliche Runden im Swimmingpool dreht, bis ein mörderisch
schnelles Vorspulen sie zwingt, mit immer unmenschlicher werdender
überhöhter Geschwindigkeit zu schwimmen. Bis 11. November beim Knoll
(Gumpendorfer Straße 18). PS: Kaljos Fotos von Schildern in den USA
sagen mir da schon mehr: "Auf Eindringlinge wird einmal geschossen, auf
Überlebende zweimal." Im John-Wayne-Land fällt das Schießen ja unter
"freie Meinungsäußerung" (was eventuell bloß ein europäisches Vorurteil
ist). Gottfried Ecker (bis 15. November bei Dagmar Chobot, Domgasse 6)
bringt seinen Schützling ("den Menschen") gern in kleine surreale
Situationen und konfrontiert ihn da immer wieder mit seltsamen
Gegenständen, die tatsächlich neu auf der Welt sein dürften. Wohl deshalb
schwanken seine Männchen aus Balsaholz mitunter zwischen Fluchtinstinkt
und offensiver Neugier. Die Malereien an den Wänden nehmen die
faszinierend befremdlichen Skulpturen auf und gehen mit ihnen eine
glückliche Symbiose ein.
Erschienen am: 07.11.2003 |
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