Salzburger Nachrichten am 24. Dezember 2005 - Bereich: Kultur
Durch Zeiten und Räume

Das Areal der Pinakotheken in München versammelt Kunst aus allen Epochen. Einem offenen, spartenüber-greifenden Konzept huldigt die Pinakothek der Moderne.

KARL HARBMÜNCHEN (SN). Es ist ein großzügig angelegtes Kunstareal in Schwabing, das zum Flanieren einlädt und nach vielen Seiten offen ist. Soeben wurde sogar der alte Eingang der Alten Pinakothek wieder geöffnet, um eine direkte Verbindung zur Pinakothek der Moderne herzustellen. Adam Elsheimer und Pier Paolo Pasolini trennt jetzt nur noch die Barer Straße. Und im Frühjahr wird der amerikanische Künstler Cy Twombly direkt mit den Meisterwerken des 14. bis 18. Jahrhunderts Kontakt aufnehmen.

Die Pinakothek der Moderne, entworfen von Stephan Braunfels, zeigt diese Durchlässigkeit auch in der eigenen musealen Ausrichtung und im künstlerischen Programm. Nach drei Jahren haben bereits zweieinhalb Millionen Besucher das Münchner "Museum of Modern Art" gesehen und dabei manches Kunstabenteuer erlebt. Denn unter einem Dach, ausstrahlend von der freundlichen Tageslicht-Rotunde, versammeln sich vier Museen: Kunst, Grafik, Architektur, Design. Sie bauen Grenzen der Spezialisierung zu Gunsten eines spannenden "Durchblicks" ab.

Auch das Ausstellungsprogramm setzt auf die Vernetzung der Sparten und die Verzahnung zeitlicher Abläufe, wobei jede "Abteilung" autonome Verantwortung trägt. Ein besonders gelungenes Beispiel ist derzeit die fabelhaft konzentrierte und verdichtete Hommage an Pier Paolo Pasolini (1922-1975). Der Besucher begegnet gleichwertig dem Dichter und Zeichner, Schauspieler und Maler, Regisseur und Autor, Filmemacher und Theatermenschen, Denker und Theoretiker. Nicht die chronologische Lebensspur ist entscheidend, sondern das synästhetische Denken und Handeln dieses modernen Gesamtkunstwerkers, der Kunst und Künstler aller Sparten nachhaltig beeinflusste - lange über seinen tragischen Tod vor dreißig Jahren hinaus (Pasolini wurde am Strand von Ostia ermordet aufgefunden; die wahren Umstände wurden nie eindeutig geklärt).

Der (auch selbststilisierte) Mythos und die Archaik seiner Themen (Schicksal, Religion, Sexualität, Tod) geben dem vielgestaltigen Werk eine tiefe Kraft. Pasolinis frühe, scharfe Kritik an Medien und Massenkonsum und die Unerbittlichkeit seines Eintretens für die Autonomie der Kunst erhält aus heutigem Blickwinkel eine prophetische Vision. Das kann man in der sorgfältigen, nie belehrenden, sondern immer sinnlich "erwanderbaren" Ausstellung und im profunden Katalogbuch (P.P.P. - Pier Paolo Pasolini; Verlag Hatje Cantz) gültig nachvollziehen: Kunst als Existenzform, Existenz als Kunst.

Sehr oft außerordentlich sind die Architekturausstellungen der Technischen Universität München in der Pinakothek der Moderne, weil es ihnen gelingt, sperrige Materie in feinsinniges Anschauungsmaterial umzusetzen. So ist auch die Werkschau des aus Innsbruck stammenden, in Salzburg besonders durch Stadttheater und Keltenmuseum in Hallein präsenten, für die Sammlung Essl in Klosterneuburg hoch gewürdigten Architekten Heinz Tesar ein Schmuckstück.

Es vermittelt die solitäre Philosophie dieses "Einzelgängers", für den Architektur nicht mit der Formgebung eines Baus beginnt, sondern mit der Frage, was die Form an sich aussagen soll. Die Skizzen und Aquarelle Tesars muten oft wie die duftig-visionären Arbeiten Walter Pichlers an, freie und doch sehr konkrete Bild-Fantasien, die einen architektonischen Möglichkeitsort umkreisen, der später konkret gefasst wird: im Wechselspiel von Natur, Umfeld, Raum, Funktion und inhaltlicher Aufgabe eines Bauprojekts.

Für Tesar ist Architektur immer in ein Davor und Danach eingebettet, eine Schicht von mehreren Schichten; sie hat eine Geschichte aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Etliches bleibt Vision oder Modell, aber das Gebaute folgt dann einer eigenen, klaren Anschauung von feiner Schlichtheit und Poesie.

Die von Winfried Nerdinger herausgegebene Monografie (Electa) vertieft die Ausstellung vorbildlich.

Natur, die Symbolik der "Triebkräfte der Erde", war in Kriegszeiten das Refugium, der Rückzug ins Innere für den Maler Fritz Winter. Während eines Fronturlaubs 1944 schuf er 45 gleichformatige abstrakte, auf Papier gemalte Blätter mit vegetabilen Formen, die ein subtiles Eigenleben entfalten. Die "Unschuld" der Natur steht im Kontrast zur "Schuld" der Zeit.

In München wird diese kostbare Bilderfolge mit ähnlichen ästhetisch-geistigen Strömungen inner- und außerhalb der Zeit in Beziehung gesetzt: zu Franz Marc, Paul Klee, Joseph Beuys und Per Kirkeby und ihren fragilen bis markanten Erfahrungen der Natur.

Wer dann noch die schlichte Intensität der "puren Form" klassischer Möbel aus China "dazusieht" oder in den "puren Rausch" der Dynamik der roten Ferrari-Equipe der "Formula Uno" eintaucht, im obersten Stockwerk der Rotunde wie ein "Rennkurs" vorbei an den großformatigen Foto-"Tapeten" von Michel Comte ausgelegt, erlebt Kunst in vielschichtigsten Phänomenen.

Nach solchen Parcours habe ich immer einen ganz persönlichen Rückzugsort: die mit spinnenzarten Fäden verspannten "leeren" Räume von Fred Sandback, die immer da sind und von wahrhaft ewiger Schönheit.