| Salzburger Nachrichten am 3. Mai 2006 - Bereich: Kultur
Wahr ist nur die Kamera
"Ich bin Filmschriftsteller, Filmdichter. Ich schreibe nicht auf Papier, sondern auf Zelluloid." So
lautet eine Selbstbeschreibung des russischen Avantgardisten Dziga Vertov
(1896-1954). In der zweimonatigen Filmschau "Kino-Revolution", in der das
Österreichische Filmmuseum eine Retrospektive des sowjetischen Films
präsentiert, ist der Vaterfigur des Revolutionskinos bis 28. Mai eine
Personale gewidmet. Die Kinokunst als gesellschaftliche Notwendigkeit, in
der sich Medientheorie und Praxis befruchten, sich Parteilichkeit,
Emotionen, sowohl Rekonstruktion wie Inszenierung im Dokumentarischen
vereinen - hierfür steht der Name Vertov exemplarisch. Der sowjetische Film der 1920er und frühen 1930er Jahre hat wie kaum eine andere Bewegung in
der Geschichte Einfluss auf die Entwicklung des Mediums Film ausgeübt. Der
in Polen als Denis Arkad'evi Kaufman geborene Vertov übersiedelte kurz
nach Beginn des Ersten Weltkrieges nach Russland, wo er unter anderem bei
"Kinodedelja" mitwirkte, einem der ersten Kinomagazine der UdSSR. Mit
Aufsätzen über "Radio-Pravda" und "Radio-Glaz" wurde Vertov zum
Theoretiker des Tonfilms, der sich zur Poesie Vladimir Majakovski, dem
Futurismus sowie dem Konstruktivismus hingezogen fühlte. Die von ihm
mitbegründete Bewegung Kinoki machte sich zur Aufgabe, die Differenz
zwischen dem natürlichen und dem filmischen "Sehen" auszuloten. Das
Filmauge sollte dem Chaos widerstehen und sich an den realen Verhältnissen
orientieren. Exemplarisch für die Nutzbarmachung der Kamera für eine Art
"kollektiven Blick", ob ihrer Überlegenheit gegenüber dem menschlichen
Auge, und dem Diktus einer Filmwahrheit, steht Vertovs "Der Mann mit der
Kamera" (1928/1929). Hier schuf er ein Experiment für eine "wahre,
internationale Sprache", ohne Schauspieler, Drehbuch, und Zwischentitel.
Ein Filmdokument entstand, das neben der Schilderung des Lebens in der
Großstadt die Filmherstellung an sich zeigt. Der Kameramann der die
riesige Kamera erklimmt ist winzig. Mit ihr kann er die Welt erforschen.
Den Tonfilm und die proletarischen Revolutionen feierte Vertov mit
"Entuziazm" (1930), der die produktive Symbiose von Mensch und Industrie
propagiert. "Drei Lieder über Lenin" (1934/38), ein rhythmisches Poem für
den Revolutionsführer, erinnert an Vertov als großer Verehrer Lenins, was
sich in einem filmischen Personenkult spiegelt. Unter Josef Stalin geriet
Vertov in Konflikt mit der Zensur. Im Laufe der 30er Jahre wird der
"Risikoregisseur" aus dem Kreis der staatlichen Filmkünstler verbannt. Die umfassende Schau in Wien (bis 28. Mai) gibt Gelegenheit dem im Westen dominierenden
Blick der Kritik - Vertov wird hier gern als militanter Futurist im
Ledermantel gesehen - neue Seiten abzugewinnen. Sein Versuch den
Unterschied zwischen dem Echten und der Fälschung herauszuarbeiten, im
Sinne einer kinematografischen Wahrheit, beeinflusste später die
Vertov-Gruppe um den Franzosen Jean-Luc Godard. In der Frage "Wie macht
man auf politische Weise politische Filme?", bleibt Vertovs Erbe eine
erkenntnisreiche Fundgrube. PDF |