Das Pathos der Passionsbilder: Es wird
mittlerweile selbst auf hochabstrakte Werke übertragen. So sah Kasimir
Malewitsch sein berühmtes schwarzes Quadrat durchaus auch als Ikone.
Die wahre Ikone ist aber gemäß der Bibel auf dem Schweißtuch der
Veronika entstanden: als Christus sich sein Gesicht trocknete. Bis
heute regt diese Legende die Künstler zu immer neuen Werken an, die den
Mensch gewordenen Sohn Gottes darstellen. Eines der berühmtesten bleibt
das als Reliquie verehrte Turiner Leichentuch.
Die Fotografie machte es am Ende des 19.
Jahrhunderts möglich, das Bildnis auf dem Leinen als ein Negativ
aufzufassen, womit die Faszination allerdings keinen Abbruch erlitt:
Immer noch haftet dem Medium der Fotografie etwas Alchemistisches an.
Zudem konnte es die Kirche nützen, um ihre Propaganda an die
technischen Errungenschaften der neuen Zeit anzupassen.
Kitsch und Kontroverse
So ist der Besuch dieser Schau des Jerusalemer Israel Museums mit
ihrem Kurator Nissan N. Perez in Krems zum einen die seriöse
Auseinandersetzung mit dem Umgang der Künstler, aber auch kontrovers
mit all dem Kitsch, der sich diesem Thema automatisch an die Fersen
heftet. Hier finden sich große Namen wie Marina Abramovic, Man Ray, Sam
Taylor-Wood, Annie Leibovitz oder Andres Serrano.
Daneben tauchen soziale Aspekte und Zufallsheilige auf: Frauen und
ihre Kinder, durch Kriege zu Heiligen hochstilisiert, oder Tote wie Che
Guevara und Robert Kennedy, die von Sensationsreportern abgelichtet
wurden und deren Liegehaltung mit dem toten Christus korrespondiert.
Pietàs werden nachgestellt, der Körper des Gottessohnes wird
bisweilen zum Fisch als Christussymbol, etwa beim Klassiker Manuel
Alvarez Bravo 1939 und in der Inszenierung von Bettina Rheims.
Abendmahl der Kranken
Ein weiteres, besonders beliebtes Motiv ist das Abendmahl nach
Leonardo da Vinci, wobei zweifelsohne der monumentale fünfteilige
Chromogendruck von Rauf Mamedov, der 13 Darsteller mit Down-Syndrom
zeigt, Diskurse auslösen könnte.
Spekulative Blasphemie war wohl schon im Jahr 1933 Anreiz für Man
Ray, die Pobacken und Beine einer Frau zum umgekehrten Ketzerkreuz als
"Monument à Sade" zu erklären.
Paul Strand und John Heartfield benützten daneben selbst das
Hakenkreuz als Symbol politischen Protests. Die gekreuzigten Frauen –
im Ausstellungskatalog zu besichtigen – hat man in Krems lieber
weggelassen.
Corpus Christi
Christusdarstellungen
in der Fotografie
Kurator: Nissan N. Perez
Bis 24. September,
täglich von 10 bis 18 Uhr
Kunsthalle Krems
02732/90 80 10
Franz Zeller Platz 3,
3500 Krems-Stein
Kitschig bis kontrovers.
Mittwoch, 23. August 2006