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Maria Lassnig im Mumok: Leichte Hand, schweres Herz

12.02.2009 | 18:21 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

In einer beeindruckenden Ausstellung ihrer jüngsten Bilder beweist die wichtigste Malerin der Gegenwart ihre Brisanz – emotional, politisch, formal.

Ein Pistolenlauf an die eigene Schläfe gedrückt, der andere auf den Betrachter gerichtet – bum. Mit aller Konsequenz, wild entschlossen, scheint Maria Lassnig bereit, ihr schieres Leben zu verteidigen. Hier und jetzt, in dieser Sekunde. Ihre panisch aufgerissenen Augen, ihr leicht geöffneter Mund nehmen den gleich einsetzenden Schrecken schon vorweg. Dieser prekären Situation, aggressiver Ausdruck unermesslicher Verzweiflung, ausgesetzt, spannt sich der Körper des Betrachters automatisch an, weiß der peinlich berührte Blick gar nicht, wohin er jetzt so auf die Schnelle fliehen kann – hier die Pistolen, da der ungewohnt freizügige Anblick des Körpers einer offensichtlich alten Frau, ihre Brüste, ihr Bauch, ihr Geschlecht... „Du oder ich“, da gibt es kein verschämtes Zögern, da ist Maria Lassnig knallhart.

Es fällt an sich schon schwer, vor Maria Lassnigs Malerei die eigenen Waffen nicht sofort zu strecken. Noch schwerer fällt das bei ihrer aktuellen Ausstellung, endlich wieder einmal, nach zehn Jahren, im Wiener Museum moderner Kunst. Da geht man endgültig in die Knie. Die rund 60 Gemälde, alle aus dem vergangenen Jahrzehnt, reihen sich zu einem beeindruckenden Parcours des Staunens: über die ungemeine ironische Leichtigkeit, mit der diese große alte Dame der Malerei hier ihren Schmerz, ihr Leid, ihr Schicksal offenlegt. Über die frappierende Durchlässigkeit ihrer konsequent seit Jahrzehnten entwickelten, unverwechselbaren Kunst, neuen Formen und Inhalten gegenüber. Inhaltlich so aktuell, so brisant, stilistisch so experimentierfreudig und sicher – hier zeigt sich etwas höchst Seltenes, ein geniales Spätwerk. Unkorrumpiert vom Zeitgeist, aber trotzdem zeitgenössisch. Heller, frischer, klarer, ja mutiger als das Frühwerk.

 

Sterbezimmer, erträglich durch Farben

„Schonungslosigkeit“ wird Lassnig oft unterstellt. Zu Recht – die Koketterie, die Eitelkeit einer selbstbewussten, jahrzehntelang um Erfolg ringenden Künstlerin sind ebenso drastisch dargestellt wie die Angst vor der ablaufenden Zeit, vor dem körperlichen Verfall. Lassnig als scheues Mädchen-Reh etwa, mit einem mönchischen „Bücherwurm“ flirtend. Oder mit ähnlich starren Augen und offen stehendem Mund wie im Pistolenbild, in Händen diesmal aber eine Sanduhr, Sinnbild des Vergehens. Das Bild hängt in einem etwas abgelegenen Raum der Ausstellung, einer Art Sterbezimmer, mit Szenen aus dem Spital, mit einer Jenseitsbegegnung – er ist nur durch die Leichtigkeit der Farben zu ertragen. Danach darf man sich kurz mit Vögeln, Katzen, Fischen trösten. Mit Tieren stellte Lassnig sich oft in symbiotischen Verhältnissen dar bzw. in friedlicher Koexistenz. Diese Hingabe zur Natur ist von ihrer Jugend in der Wandervogelbewegung geprägt.

Lang ist das her, in Kärnten, wo ihre Mutter sie lieber gut verheiratet hätte und ihr dann doch die Künstlerlaufbahn ermöglichte. Bald nach dem Studium ging Lassnig aber schon nach Paris, dann nach New York, wo sie sich mehr schlecht als recht durchschlug. Ihren Durchbruch in Österreich hatte sie aber erst in den 80er-Jahren, als sie als erste Professorin für Malerei im deutschsprachigen Raum nach Wien, an die Angewandte zurückkehrte. Ihr internationaler Durchbruch gelang erst so richtig in den vergangenen zehn Jahren, die diese Ausstellung zeigt, voriges Jahr etwa in England, wo sich bei einer umjubelten Ausstellung in der Serpentine Gallery einige Kritiker sogar zu Vergleichen mit Picasso hinreißen ließen.

Stimmt nicht. Lassnig hat derlei Vergleiche nicht nötig, sie war zwar keine große Neuerin – wer war das schon seit der Moderne? –, aber sie steht einzigartig da, mit ihrer Sprache, die sie nicht nur gefunden, sondern auch lebendig, immer wieder überraschend gehalten hat.

Trotzdem versteckt sie ihre Wurzeln nicht. Mal mehr, mal weniger erinnert etwa die Farbigkeit an den Nötscher Kreis. Immer wieder verankert sie sich in der Kunstgeschichte – thematisch mit Adam und Eva etwa oder mit formalen Zitaten, die an Velazquez-Porträts erinnern. Oder aber sie greift auf vergleichsweise neue Ausdrucksmittel zurück – in einem köstlichen, zynisch „Unterstützung“ genannten Bild sieht man sie etwa wie ein Special-Effect-Alien aus „Mars Attacks“, mit übergroßem Kopf und riesigem Glupschauge, von zwei Männern in dunklen Anzügen nach vorne geschoben.

Ihr Humor ist grandios – sie zeigt sich als „eiserne Jungfrau“, die sich gerade als „fleischige Jungfrau“ malt, als fischähnliche Riesennase, die über ein Löwenzahnfeld fliegt. Herrlich selbstanalytisch das Bild „Fotografie gegen Malerei“, in dem Lassnig, die österreichische Trickfilmpionierin, ihre fast anachronistisch wirkende Ablehnung gegen das Abmalen von Fotos zeigt: Die „Malerei“ streckt der stolzgeschwellten „Fotografie“ vor ihr frech die Zunge heraus – doch es ist nur eine vorgehaltene Fratzenmaske, dahinter verbirgt sich ein von Zweifeln gekrümmtes, ängstliches Wesen.

 

Fast prophetisch: Kinderschänder-Bilder

Am wenigsten überzeugt eine Gruppe von Bildern, die 2005/06 in einem Keller mit Modellen entstand, von durchsichtigen Folien umhüllt wie Spinnweben. Man kann sie wohl als Experiment sehen: einmal wieder, seit Jahrzehnten, mit Modellen zu arbeiten und mit völlig anderen, dunkleren Farben. Inhaltlich greift sie dabei auf zwei historische Dinge zurück: ein Selbstporträt, in Folie gehüllt, 1972 in New York entstanden. Und ironisch auf den Wiener Aktionismus, der ja in Kellern stattfand, speziell auf Otto Muehls Aktionen, in denen ebenfalls Folien Verwendung fanden und der, wie Lassnig hier auch, seine Modelle auf Befehl turnen ließ.

Durch die Arbeit mit Modellen sieht Kurator Wolfgang Drechsler jedenfalls Anfang des Jahrzehnts eine neue Phase eingeleitet, die wieder mehr die Außenwelt einbindet, sich nicht mehr vorwiegend auf die eigenen „Körperempfindungen“ bezieht. Es ist diese Erweiterung, die das etwas hermetisch gewordene Werk plötzlich noch einmal öffnet, fast prophetisch zum Teil: die Gruppe der sogenannten „Kinderschänder“-Bilder etwa, 2001 gemalt, Jahre, bevor in Amstetten und Strasshof die Keller ihre Schrecken preisgaben.


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