Die Kunsthalle Wien ist „powered by H&M“
„Mich hat das zutiefst empört. Erst hab ich gedacht: Das ist ein Scherz! Das gibt’s nicht!“ Diesen Aufschrei könnte ein Kunstinteressierter ausstoßen, der den „project space“ der Kunsthalle Wien am Karlsplatz besuchen will, aber den Eingang kaum findet. Auf der einen Seite macht sich eine schicke Bar samt immenser Terrasse breit, auf der anderen Seite prangt eine Textilwerbung. Der Aufschrei könnte auch vom Architekten Adolf Krischanitz sein, der sähe, wofür der von ihm gestaltete gläserne Pavillon derzeit gebraucht wird. Auch Friederike Mayröcker könnte derart schreien, wenn sie sähe, wofür ihre als Leuchtband auf dem „project space“ aufscheinende Poesie – „mausgrau: mausgrauer Septembertag rauchig mit steilen Wolken . . .“ – dient: als Überschrift über blonde Modemodels samt „Bluse 9,95“ und „Blazer 29,95“.
Tatsächlich ist „Mich hat das zutiefst empört. Erst hab ich gedacht: Das ist ein Scherz!“ ein Zitat aus einem Interview mit Peter Simonischek. Zwei Jahre ist das her. Damals spielte er den Jedermann auf dem Salzburger Domplatz und war entsetzt, als er unter einer riesigen Werbung auftreten sollte. Die Folge seiner Entrüstung: Während der Aufführungen war das Werbesujet verdeckt. Und es wurde klargestellt: Werbung darf nur auf Baugerüste. So prangte auf dem Renovierungsgerüst um den Turm des Stephansdoms eine riesige Werbung, auch die Neue Residenz war während des Umbaus zum Salzburg Museum mit Bankenwerbung umzäunt.
Doch: Von einem Baugerüst am „project space“ ist nichts zu erkennen. Die gesamte Länge des, ach, so wichtigen Beispiels österreichischer Architektur dient als Plakatwand für H&M. Fragt man bei der Kunsthalle Wien, was das soll, heißt es: Die H&M-Kampagne sei von 14. September bis 3. Oktober affichiert, es handle sich „um ein Sponsoring, dessen Mittel ausschließlich dem Modeschwerpunkt in der Kunsthalle Wien im Herbst (. . .) zugute kommen“. Und: „Die Kunsthalle Wien ist stolz darauf, die Finanzierung ihres umfangreichen Programms über die öffentlichen Zuschüsse hinaus auch durch private Sponsoren zu ermöglichen.“
Das ist ein sonderbares Verständnis von Sponsoring! Worin besteht da der Unterschied zur Vermietung von Werbefläche? Worin unterscheidet sich ein Adolf-Krischanitz-Kubus von einer Plakatwand? Und ein öffentlich subventioniertes Museum von einer Litfaßsäule? Und wenn so ein öffentlicher Bau für Werbung taugt, sollten wir auch Fassaden von Rathäusern dafür freigeben und dann stolz auf das sein, was Konzerne zur Sanierung der angeblich verarmten Republik beitragen?
Zugegeben: In Zeiten eingefrorener Subventionen haben es Kunstinstitutionen oft nicht leicht, den Kostendruck über Zusatzeinnahmen auszugleichen und ein neues Selbstverständnis zwischen öffentlichem Auftrag und Eigenvermarktung zu finden. Doch so wie die Kunsthalle Wien ihren „project space“ gestaltet, ist das ein schlechter Scherz. Der schaut nicht aus wie ein Ort der Kunst, also ein Ort des Betrachtens und Reflektierens. Sondern die Botschaft lautet: Geld, Geld, Geld! Wir brauchen Geld, wir sind „powered by H&M“.




















