| Salzburger Nachrichten am 29. April 2005 - Bereich: kultur
Abstrakte in China Die Kunstnation
Österreich präsentiert sich derzeit in China: Im Shanghai Art Museum wurde
eine Ausstellung mit 200 Arbeiten abstrakter Malerei eröffnet.
HUBERTUS SEIDLSCHANGHAI (SN). "Nach Wien, nach Wien" ließ Johann Strauß
seine Provinzaristokraten im "Zigeunerbaron" singen. "Nach China, nach
China" heißt es heute überall in der westlichen Welt, die sich von der
Bevölkerungszahl her gegenüber China auch etwas wie die Provinz ausnimmt.
Österreich macht keine Ausnahme und präsentiert sich im Reich der Mitte
mit der Kunst: Seit Ende der Vorwoche ist im Shanghai Art Museum die
Ausstellung "Neue abstrakte Malerei" zu sehen. 200 Werke von Erwin Bohatsch, Herbert Brandl, Gunter Damisch, Hubert
Scheibl, Otto Zitko und Walter Vopava wurden, organisiert vom Wiener Mumok
sowie der Witwe des Malers Max Weiler, Yvonne Weiler, von Österreich (acht
Millionen Einwohner) nach Schanghai (18 Millionen Einwohner) gebracht; im
nächsten halben Jahr werden sie in drei weiteren chinesischen Städten
(Peking, Xian und Guangzhou) gezeigt, im Dezember ist sie dann unter dem
Titel "China retour" im Mumok in Wien zu sehen. Die Eröffnung im Shanghai
Art Museum am Freitagabend wurde von stürmischem Applaus der Gäste
begleitet - und zeigte an manch skurrilem Detail auf die Unterschiede der
Kulturen. Die Reden der Direktoren (das Shanghai Art Museum hat drei
davon, neben dem künstlerischen und kaufmännischen Direktor einen
weiteren, der als eine Art "politischer Funktionär" agiert) und der
Politprominenz waren feierlich und nicht frei von Pathos. Sogar ein rotes
Band hatte man gespannt, das zum Zeichen der Eröffnung von allen
Direktoren und Politikern zerschnitten wurde. Die Künstler sind österreichische Patrioten Mumok-Direktor Edelbert Köb
bezeichnete die Maler als "österreichische Patrioten", wohl mit Rücksicht
auf chinesische Sprachregelungen. Schüssel sagte, er freue sich, dass
Österreich "in China nicht nur mit dem Neujahrskonzert, sondern auch mit
Gegenwartskunst präsent ist". Köb zog in seiner Eröffnungsrede Parallelen
zwischen der abstrakten Malerei in Österreich und der chinesischen
Tradition der Tuschpinselzeichnung und Kalligrafie. Eine Ähnlichkeit der
Malerei aus diesen beiden Kulturen bestehe in der "Verbildlichung des
Naturhaften". Anders als in Europa und den USA, wo die Abstraktion das
"Hauptereignis" der Malerei des 20. Jahrhunderts war, ist sie für China
ein "neuer Pfad", der erst zu beschreiten ist. Die Kunstszene in Schanghai
ist aber rege; in einem am Fluss Suzhou Creek gelegenen ehemaligen
Fabriksgelände gibt es Werkstätten, Ateliers und Wohnungen für junge
chinesische Künstler, die durch Galerien wie "Artshang" auf
internationalen Messen vertreten werden. Köb räumte ein, dass diese Ausstellung "sicherlich ein Wagnis" sei und
dass es leichter sei, "mit Klimt oder Schiele zu kommen". Aber die
Reaktionen seien stark. Die Kosten für diese Tour belaufen sich auf
440.000 Euro, wovon 400.000 Euro das Bundeskanzleramt zahlt, den Rest
finanzieren Sponsoren. Auf drei Etagen kommen die teils großformatigen Bilder gut zur Wirkung.
Die untere Etage teilen sich Damisch, Bohatsch und Zitko, hier laufen auch
Videos, die die Künstler bei der Arbeit und im Gespräch zeigen. Im
Mittelgeschoß sind kleine Arbeiten auf Papier zu sehen, die oberste Etage
ist Werken von Brandl, Vopava und Scheibl gewidmet. Wolfgang Schüssel
sagte, er wünsche den chinesischen Kunstfreunden "viele Emotionen" beim
Betrachten der Bilder. Die bestand allerdings bei der Eröffnung noch
vornehmlich darin, sich mit den Künstlern fotografieren zu lassen.
Information: www.sh-art-museum.org.cn |