

Explizite Darstellungen der männlichen Sexualität verbinden die Oeuvres von Dorothy Iannone (geb. 1933) und Lee Lozano (1930-1999), denen über dieses Motiv hinausgehend nur wenig gemeinsam ist: Dorothy Iannone kam über ein Studium der Literatur und ihre Nähe zur abstrakt-expressionistischen Szene zu ihrer künstlerischen Ausdrucksform, während in den tagebuchartigen Handlungsanweisungen, "Language Pieces"und in den kunstbetriebskritischen Statements von Lee Lozano die Einflüsse der New Yorker Konzeptkunst unübersehbar sind. Die großformatigen Bildgeschichten von Iannone changieren zwischen mittelalterlicher Buchkunst und indischen Kamasutra-Darstellungen; das vielfältige, zeichnerische und malerische Werk von Lozano zeichnet gerade auch die formalen Grenzüberschreitungen aus.
Im Wissen um die grundsätzliche Unvergleichbarkeit der beiden künstlerischen Positionen werden sie in der Ausstellung räumlich getrennt präsentiert. Ein Rundgang führt zunächst in das seit 1967 mehrfach zensurierte Universum von Dorothy Iannone ein, die in der Bildgeschichte "An Iclandic Saga"ihre erste Begegnung mit ihrer "großen Liebe"Dieter Roth illustriert. 1967 begegnete sie dem deutschen Künstler in Reykjavík, wo sie sich augenblicklich verliebte.
Für die Aufzeichnung der Liebesgeschichte, die die "Saga"nur vom ersten Blickkontakt bis hin zu ihrem Umzug nach Island erzählt, benötigte Iannone nicht weniger als 48 dicht beschriebene Blätter.
Kurz und prägnant illustriert sie dagegen ihre sexuelle Beziehung: I Have Got Such a Marvelous Cocksteht auf einem ihrer Bilder, deren offenherzige Darstellung der männlichen und weiblichen Geschlechtorgane auch Szeemann und Spoerri irritierte.
Dass sie ihre Arbeiten aufgrund des "pornografischen"Gehalts 1970 aus der Kunsthalle Bern wieder zurückziehen musste, verarbeitete Iannone in The Story of Bern: "Ich wünschte, du (Anm. Daniel Spoerri)würdest aufhören, es Pornographie zu nennen. Ich bezweifle, dass irgendwer davon erregt werden kann. Es ist sehr kühl."
Offensiver als Iannone, die sich vor allem für die Darstellung einer literarisch tradidierten "Hohen Liebe"interessierte, näherte sich Lee Lozano der irdischen Fleischeslust.
Die Ausstellung zeigt ihre frühen Arbeiten, in denen das Thema Sexualität beim Ausdrücken eines Pickels beginnt. Bissige Kommentare begleiten die blasphemischen Karikaturen, comicartigen Zeichnungen und "Schwanzgesichter"der Künstlerin, die sich 1967 mit ihrem Dropout-Piecevon der Kunst verabschiedete.
Dass die kunsthistorische Aufarbeitung beider Künstlerinnen erst vor Kurzem begonnen hat, lässt die Errungenschaften der sexuellen Revolution insgesamt nicht ganz so glorreich aussehen. (Christa Benzer/DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.7.2006)