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Montag 20.08.2001, 15:45
Das Presse-Online Archiv
Erscheinungsdatum: 26.06.2001 Ressort: Kultur/Medien
 
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Positionen-Abklappern in endloser Kunstschlinge
Im Arsenal von Venedig fungiert als zweiter Teil der zentralen Biennale-Ausstellung "Plateau der Menschheit" ein Kunst-Rundwanderweg als Verbindung zwischen den Kanälen. Eine Erschöpfung als Nachtrag.

VON STEFAN MUSIL

Wer geglaubt hatte, er wäre bei der Anfang Juni eröffneten 49. Kunst-BIENNALE von Venedig in den Giardini, im italienischen Pavillon, schon ausreichend, gar überreich mit Eindrücken der bildenden Kunst verwöhnt worden, der hatte sich geirrt; hatte den Eifer den BIENNALE-Kurator Harald Szeemann diesmal, in geradezu manischer Sammelwut und ohne erkennbare Strategie an den Tag gelegt hat, unterschätzt. Im als Ausstellungsareal adaptierten Arsenal warteten noch die langgestreckten Corderie und die daran angeschlossenen Hallen, um die den in den Giardini-Pavillons und Quartieren quer über die Stadt verteilten Länderbeiträgen zur Seite gestellte Großschau "Plateau der Menschheit" erst komplett zu machen. Ein beinahe nicht enden wollender Marsch durch die Positionen von mindestens 100 Künstlern, Gruppen, Institutionen, Vertretern vor allem der jungen Kunst - mit älteren, klassischen Einschlüssen versehen. Darunter zwei Installationen von Joseph Beuys. So hatten dessen 21, unter dem Titel "Das Ende des 20. Jahrhunderts" verstreute Basaltsteine, Szeemann das zentrale Argument gereicht: Aus dem angebrochenen 21. Jahrhundert über die Jahrtausendschwelle zurück in die jüngere Vergangenheit zu blinzeln.
Aus dem Blinzeln jedoch wird dabei - zumindest für den Besucher - schnell ein Flimmern. Nicht nur, weil einem die mit nüchtern weißen Stellwänden und Schaukabinen hermetisch verbaute Flucht der Corderie dank übermäßiger Kunstanreicherung bald die Aufmerksamkeit raubt.

Zeiträuber Videokunst

Auch das Konsumieren der unzähligen Videoarbeiten, die sich meist mit Photographie-Präsentationen und dazwischen gestreuten Rauminstallationen abwechseln, würde zu einer ernsthaften Auseinandersetzung ein wohl kaum aufbietbares Zeitpensum erfordern. Halle um Halle schließt sich den Corderie an - bis man plötzlich in ein von Vanessa Beecroft (endlich!) großzügig bespieltes Feld tritt, wo im Carrée ihre zu Monatsbildern erstarrten kühlen Schönheiten, in klassischer Pose drapiert hängen. Ein erstes Durchatmen.
Ein wenig weiter darf dann auch wieder erlösende Sinnlichkeit, Luftigkeit, Großzügigkeit aufkommen. Richard Serra hat zwei seiner raumgreifenden, begehbaren, befühlbaren Spiralen aus Stahl in den Raum gewuchtet. Zugegeben, solches ist nicht neu, aber es bleibt ein packendes Erlebnis.
Manches aus dem Marathon davor hat beeindruckt, manches dann doch den schalen Nachgeschmack der Banalität hinterlassen. Einiges muß auch unverständlich bleiben.
Das merkt etwa der Österreicher spätestens vor jener Wand, die der Wiener Secession und ihrer Protest-Kunst-Aktion gegen die regierende Koalition gewidmet ist. Über der Serie an kleinformatigen Photos, welche die verschiedenen rechts vom Secessions-Eingang affichierten Transparente noch einmal Revue passieren lassen, dokumentieren, steht für den Venedig-Besucher "Secession" zu lesen - und nicht mehr. Wer also, außer den Österreichern unter den Arsenal-Besuchern, wird damit etwas anzufangen wissen? Immerhin, Ron Muecks aus den Proportionen geratenen superrealistischen Menschenskulpturen am Beginn des Marathons stechen ins Auge.

Grausen und Schmunzeln

Angesichts der von Xiao Yu aus Körperteilen verschiedenster Lebewesen zusammen gebastelten, in Flüssigkeit schwimmenden Forschungs-Hybride stellt sich ein wenig der intendierte Schauer ein. Atom Egoyan und Juliao Sarmento fesseln mit ihrer filmischen Auseinandersetzung zum Thema Voyeurismus und Maurizio Cattelan stellt seinen vom Meteoriten umgeschossenen Papst, der zuletzt auf dem Kunstmarkt einen Rekordpreis einfahren konnte, flugs in der zweiten Version zur Schau. Ilya Kabakov teilt sich seinen Raum gegen Ende des Parcours übrigens mit Richard Serra Spiralen und zeigt eine Installation aus hölzernen Geleisen, einen leeren Bahnsteig, an dessen Ende die Rücklichter des abfahrenden Zuges leuchten. "Not everyone will be taken into the future" liest man in Leuchtschrift auf dem Display unterm Zugdach. Was sei wichtiger, daß Kunst heute verstanden werde, oder aber Bestand für die Zukunft habe, fragt Kabakov dazu. Eine feine Pointe - wie das befreiende Aufstoßen nach einem allzu üppigen Mal.
Bis 4. November 2001.

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