01.09.2003 20:41
Grenzbewusst, ganz ohne Frust
Vermittlungsversuche zwischen Kunst und Gesellschaft im Pavelhaus in
Laafeld - Foto
Graz/Laafeld - Für das Pavelhaus in Laafeld hat Walter Seidl
eine Ausstellung kuratiert, die räumlich oder zeitlich manifeste Schranken als
nötige Voraussetzung für alles heimelig Bequeme diskutiert. Identitäten gebärden
sich als ortsverbunden, ergeben sich ausgrenzend allemal und gaukeln, was dann
als ihr Eigen angesehen werden soll, oftmals in selbst gewählten Bildern
vor.
Will die Kunst solche Prozesse an der Wurzel packen, muss sie die
Kanäle selbst besetzen, die das medial Kommunizierte erst verfärben. Auf Andrea
Ressis Hinweisschildern wird ein Abseits und Nirgendwo als sehenswürdig
angepriesen.
In Markus Schinwalds Dia-Loop baut sich ein Thrill ganz
leise auf: in gar nicht wienerisch apostrophierten Bildern, die dennoch allesamt
in Wien entstanden, von Liebeslyrik und Regieanweisungen aus Hitchcock-Filmen
unterlegt zur Fühlbarmachung einer keineswegs bestimmten Narrativität.
Die weltumspannende Erklärung solcher Bildsysteme weiß Wolfgang Thaler,
lassen sich doch dessen zeitenthoben menschenleere Einblicke in Bürogebäude
paradox zusammenlesen zur "Zentrale".
Da hilft kein Rückzug in
Intimbereiche lange. Die kleinste und idealste Heimstatt findet der
separatistisch orientierte Mensch, laut Sabine Bitter und Helmut Weber,
eingeschlossen in zellartig aufgemachter Blase, Schwindel erregend, aber dann
bewegt und vollgedröhnt mit den pulsierend tiefen Tönen einer dem Schrecken wohl
vertrauten Herzfrequenz. Nicht viel entspannender fällt die Privatsphäre in Luka
Deklevas Überwachung eines Kleinstwohnraumes aus.
Abschottung tut
niemals gut. Schon gar nicht in der Kunst. Derzeit gastiert die Budapester Szene
im Grazer Balkan-Konsulat, vulgo Kunstverein rotor, und spricht das klar und
deutlich aus. Laut jenen Interviews, die Andreas Fogarasi in einem Video
zusammenstellt, leidet die junge ungarische Kunst vorweg an mangelnder
Vernetzung mit der internationalen Kunstwelt.
Als Antwort auf die
"Ignoranz des institutionellen Kunstapparats" versteht sich der Zusammenschluss
zweier Künstler (Róza El-Hassan, Janos Sugár) mit zwei Kuratorinnen (Dóra Hegyi,
Emese Süvecz) zur Gruppe KMKK, die ihr Modell, allwöchentlich Aufmerksamkeit auf
Marginalisiertes neu zu lenken, als Franchise in den Grazer Kontext
transferiert.
Jeden Freitag wechselnd, werden Ausschnitte aus dem
verborgenen, doch stattlichen Archiv der Grazer Galerie Bleich-Rossi
präsentiert. Davor steht eine Box bereit, schriftliche Kommentare zu Problemen
der Grazer Gegenwartskultur einer öffentlichen Lesung zu verwahren, und die
Gruppe Manamana ein Podium für Protestsongs zur Verfügung, als hätte sich solch
Tugendhaftigkeit nicht längst als rein mutwillig ausgewiesen. (DER STANDARD,
Printausgabe, 2.9.2003)