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derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
28. November 2006
19:56 MEZ
Secession
Bis 21. 1. 
Foto: Stan Douglas/Secession
Stan Douglas' "Stanley Cemetery" in British Columbia, dem Schauplatz von "Klatsassin".

Foto: Hejduk
Stan Douglas in der Secession, Wien.

Perspektiven eines Westerns: Stan Douglas
Trotz der 73 Stunden Westernfiktion bereiten die drei aktuellen Ausstellungen der Wiener Secession insgesamt ein kurzweiliges Vergnügen

Christa Benzer Wien - Niemand wird den neuen Film von Stan Douglas je in voller Länge gesehen haben. Und zwar nicht nur, weil der neue Streifen des kanadischen Künstlers 73 Stunden dauert: In zufälligen Abfolgen reiht im abgedunkelten Hauptraum der Secession ein Computerprogramm die 22 relativ kurzen Szenen des Films in 890 verschiedenen Kombinationen aneinander, sodass am Ende auch keiner dasselbe gesehen und gehört haben wird.

Und damit ist man auch schon beim Thema des Films, den der Künstler in den Wäldern des kanadischen Cariboo angesiedelt hat. Die Story basiert lose auf einem noch immer nicht restlos aufgeklärten historischen Ereignis, dem so genannten Tsilhqot'in Krieg von 1864.

Beim Bau einer Straße, die den Goldrausch beschleunigen sollte, wurden von der indigenen Bevölkerung 19 weiße Männer ermordet, wobei der Häuptling und Anführer der Tshilqot'in, "Klatsassin", später gemeinsam mit seinen Leuten vor Gericht gestellt und gehängt wurde.

So viel zum "wahren" Kern seines Westerns, der formal auf den legendären Film Rashomon von Akira Kurosawa anspielt. Im Mittelpunkt steht auch bei Klatsassin ein Mord, der ähnlich wie bei Kurosawa in eine Gerichtsverhandlung mündet und, aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, mit Rückblicken und Einschüben höchst widersprüchlich rekonstruiert wird.

Im Cinemascopeformat an die Stirnwand der Secession projiziert, suggeriert die einkanalige "Installation" zunächst Anfang und Ende; spätestens aber, wenn der tote Mann in der Lichtung gleich wieder erschossen wird, weiß man, dass hier nicht nur die Protagonisten des Films, sondern auch die Betrachter vergeblich nach einem linearen Tathergang suchen.

In den Seitenschiffen sind Schwarz-Weiß-Porträts der Darsteller und Aufnahmen vom Filmsetting in British Columbia zu sehen, wodurch die filmische Fiktion einerseits fortgeführt und andererseits das Making-of bloßgelegt wird.

Damit ist Stan Douglas, der bereits den Sandmann von E.T.A. Hoffmann oder die Märchen der Brüder Grimm bearbeitet hat, zwar nicht der erste Künstler, der das Konstruiert-Sein von Geschichte thematisiert, aber dass das Phantasma von der einen historischen Wahrheit noch immer durch unsere Köpfe spukt, macht die technisch perfekte Präsentation ungemein eindrücklich und erfreulicherweise nicht erst nach mehreren Stunden deutlich.

Zeitlich adäquat

In einem angemessenen zeitlichen Rahmen lässt sich auch die Ausstellung Green on the Mountain der japanischen Künstlerin Midori Mitamura erfassen. Ausgehend von einer gefunden Fotografie eines Familienausflugs in die Berge, versucht sie den Modi des Erinnerns nachzuspüren. Im Gegensatz zu Douglas geht sie dabei allerdings weniger strukturell als atmosphärisch vor, wenn sie den Zeiger einer Uhr zurücklaufen lässt und verschiedenste private Memorabilia neben das gefundene Fotomaterial stellt.

Während Midori Mitamura die dem Medium Fotografie eingeschriebene Vergänglichkeit thematisiert, bringt einen die deutsche Künstlerin Judith Hopf wieder zurück ins Hier und Jetzt: Mit Versatzstücken aus dem Alltag und ihrer Lebensrealität als Künstlerin hat sie einen humorvollen Parcours zusammengestellt, der an Bambusstäben aus Trinkgläsern vorbei durch spiegelkabinettartige Reflexionen zu einer Videoinstallation der Künstlerin führt: Hospital Bone Dance heißt das Video im Zentrum der Installation, das sie gemeinsam mit Deborah Schamoni realisierte. Thematisiert wird in dem an ein Musikvideo erinnernden Werk das kränkelnde deutsche Sozialsystem, gegen das auch Zombies anzutanzen versuchen. In ihrem zweiten Video, The Elevator Curator, einer gelungenen Persiflage auf den Kunstbetrieb, kommt sie ganz ohne Gespenster aus. DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 11. 2006)

--->Höchste Präzision: Stan Douglas' Karriere

Höchste Präzision: Stan Douglas' Karriere

Der Afrokanadier Stan Douglas wurde 1960 nahe Vancouver geboren. Abgesehen vom Besuch des Carr College of Art and Design in Vancouver verlief seine Selbstfindung als Künstler autodidaktisch. Douglas experimentierte mit Foto und Video, eine erste größere Arbeit thematisierte die Theaterwerke Samuel Becketts fürs Fernsehen. Mitte der 80er-Jahre begann seine Karriere im Kunstbetrieb mit einer ersten Soloshow in der kanadischen Produzentengalerie Or. Danach folgten Einladungen renommierter Kunstinstitutionen wie der Documenta in Kassel (1992, 1997 und 2002) oder der Biennale von Venedig (1990 und 2001).

Stan Douglas ist für seine stets ebenso komplexen wie technisch perfekten Film- und Videoarbeiten bekannt. Als Konstanten seiner Arbeit zeigen sich ein Infragestellen tradierter linearer Erzählmuster und ein Ausreizen der jeweils aktuellen technischen Möglichkeiten. Die überraschenden Zeitmodelle Douglas' sind in bestechender formaler Präzision aufbereitet. Douglas wird u. a. vertreten von den Galerien David Zwirner, New York und Zeno X in Antwerpen. Seine Arbeiten finden sich in Museen wie etwa dem Guggenheim in New York oder der Londoner Tate. (mm/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 11. 2006)


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