| Salzburger Nachrichten am 06. August 2003 - Bereich: kultur
Fluchträume und Tagträume
Zeichnungen und Skulpturen von Bruno Gironcoli in der Galerie Altnöder
SALZBURG (SN). Der Kommissär für den österreichischen Pavillon auf der Biennale, Kasper König, hält den 66-jährigen Bruno Gironcoli für "einen der international wichtigsten Bildhauer seiner Generation". Gironcolis Arbeiten sind in diesem Jahr der Gegenstand des Österreich-Pavillons bei der Kunstbiennale in Venedig. Die Galerie Altnöder, die dem Künstler bereits mehrere Ausstellungen gewidmet hat, bietet zur Festspielzeit eine erlesene Auswahl. Während man in Venedig der monumentalen Seite Gironcolis gegenüber tritt, lädt Salzburg zu einer intimen Begegnung ein. Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei die grafischen Arbeiten. Darunter sind zwei frühe Zeichnungen aus den sechziger Jahren von einer ungemein sensiblen Annäherung an die weibliche Figur, Skizzen zu Skulpturen und eine ganze Reihe jener großartigen Mischtechniken, die 1968 in der legendären Schau in der Galerie St. Stephan gezeigt worden sind. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen trotzdem die Plastiken. Eine Rarität stellt ein Modell, ebenfalls von 1968, für ein monumentales Objekt ("Murphy") dar. Andere Beispiele stammen aus jener Phase, in der Gironcoli aus "angewandten" Designformen seine mechanomanischen Objekte erfindet. Gironcoli, gelernter Goldschmied, hat wie kaum ein anderer an der Idee des Skulpturenmöbels gearbeitet. Für seine Figuren und Objekte befasste er sich mit detaillierter Hingabe mit Formulierungen für Sockel. Bis hin zu den Standbeinen entwickelte er reich abgestufte Aufbauten. Im Übrigen hat Gironcoli seine gesammelten Formen kontinuierlich zu einer symbolisch aufgeladenen Ikonografie ausgebaut. Mechanisch anmutende, konstruktive Elemente verbindet er mit Pflanzen und mit Körperfragmenten. Das ergibt eine unverwechselbare Mischung aus utopischem Design und organischen Figuren. Gironcoli bildet nicht ab, er schafft mit seinen skurrilen Metaphern Bilder von einer berührenden Sinnlichkeit. Daran hat das Aluminium als bevorzugter Werkstoff einen gewichtigen Anteil. Es strahlt Härte und zugleich Eleganz aus. Auf der Suche nach Schönheit steckt in diesen Gebilden aber auch eine gehörige Portion Aggression. Als "Fluchträume" und "Tagträume" formuliert Gironcoli Sehnsüchte und Obsessionen, die das Glück bemühen und den Schmerz beschwören. (Bis 13. September). WOLFGANG RICHTER
|