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derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst | "Der Disziplinator" 
24. Juni 2005
10:21 MESZ
Von Anne Katrin Feßler

 
Wolfgang Woessner/MAK
Ein Detail aus dem "Disziplinator", derzeit im Wiener MAK ausgestellt. Van Lieshouts neuestes Projekt "Call Center" könnte - falls realisiert - im Einzelnen ähnlich aussehen.

Foto: Atelier van Lieshout
Joep van Lieshout gründete 1995 AVL

Schöne neue Arbeitswelt: Ein Atelierbesuch
Mit Mitteln der Kunst und des Designs feilt van Lieshout an Model­len der Gesellschaft: Das Projekt "Call Center" entwirft ein Extrem der "idealen Stadt"

Rotterdam, Keilestraat 43e: Am Ende des Piers steht ein kleines grasgrünes Häuschen. Eine Wachstube? Die boxenartige Konstruktion ginge angesichts zwei knalliger Briefkästen und den weißen Lettern "Atelier van Lieshout" auch als Portierloge durch - wäre da nicht der Stacheldraht. Die wenig einladende Eisendrahtbekrönung erinnert an die Zeit als hier im Jahr 2001 rund um eine alte Industriehalle neun Monate lang der Container-Freistaat "AVL-Ville" unter dem Credo "Solange es Kunst ist, geht beinahe alles!" ausgerufen war. Stacheldraht markierte abschreckend die "Staatsgrenze". Heute stehen die Tore weit offen.

Links erklettern Zwei einen Baucontainer, zwei andere schleppen aus dem riesigen 20er-Jahre-Stahlbetonbau, einem ehemaligen Baumwolllager aus dem jetzt Polyesterdunst und Schleifgeräusche dringen, ein großes, in dicke Folie verpacktes Etwas zur Straße: Teile des Darmausgangs-Möbels "Bar-rectum" auf dem Weg zur Art Basel. "Es ist fast nichts mehr da", erklärt Charlotte Martens, van Lieshouts Assistentin. Denn schon seit Tagen werden hier Tonnen bearbeiteten Fiberglases, Holz und Polyesters auch ins Kröller-Müller Museum in Otterlo oder etwa ins Wiener MAK versendet. Keine Spur müder Kommunenatmosphäre, sondern reges Treiben, auf einem – zugegeben etwas chaotischen, angeräumten – Fabriksgelände: Atelier von Lieshout ist schließlich eine GmbH. Der 42-jährige gemütliche Firmen-Zampano und Chef des 1995 gegründeten Ateliers Joep van Lieshout hat die künstlerischen Arbeiten des Kollektivs, riesige mobile Kunststoff-Objekte, Raumeinheiten und Installationen, längst in den Sammlungen der bekanntesten europäischen Museen untergebracht. Die Auftraggeber seiner Gebrauchskunst – ganze Bürodesigns und eigenwillige, farbenfrohe, polyester-veredelte Möbeldesigns von der Nasszelle bis zur Küchenzeile - kommen zu 90 Prozent aus dem Ausland, teilweise bis aus den USA.

Ende mit "gedoogd"

Freilich erinnern am Gelände nicht nur die Kompost-Toiletten an die Zeiten der Autokratie in AVL-Ville, das ein Gegenmodell zum überreglementierten Staat sein wollte. Das ehemalige Restaurant, wo nach kürzester Zeit der Ausschank von Alkohol verboten wurde, dient heute als Werkskantine. Und an den erbsengrünen organisch geformten Tischen mit den kleinen Holzsesseln, die aussehen als hätte soeben Schneewittchen samt der 7 Zwerge hier gefrühstückt, bekocht Joep van Lieshout, der niemals Staatsoberhaupt im Freistaat war, mitunter spontan seine Gäste. "AVL Ville machte viel Arbeit, brachte aber auch zahlreiche neue Ideen", meint er rückblickend auf das von der Stadtverwaltung abgedrehte Projekt. Es sei falsch gewesen, mit der Risikobereitschaft des Bürgermeisters und der Kommune zu rechnen. 2000/2001 zeichnete sich das beginnende Ende der niederländischen Praxis von "gedoogd" ab, dem Dulden eigentlich verbotener Dinge. Auch die Rechtspopulisten – beispielsweise Pim Fortuyn - vergifteten zunehmend den einst toleranten Boden.

Nicht nur ein Stein wurde dem Projekt erschwerend in den Weg gelegt, da türmten sich ganze Geröllberge auf. Wegen der paar Sauen, die die rund 35 Selbstversorger für die Schweinedung-Biogasanlage und die Verwurstung neben ein paar Pferden, Kühen und Hühner hielten, reiste eigens ein Inspektor des Landwirtschaftsministeriums an. "Die Auflagen waren so kompliziert als wären wir ein EU-Industrie-Bauer mit 6.000 Schweinen im Stall. Es war scheiße." Überdies kämpfte man im Freistaat mit Finanzproblemen, weil man zwei mal Steuern zahlte: An sich selbst und den holländischen Staat.

Team gesund geschrumpft

"Solange es Kunst ist, geht beinahe alles!" Wenn es um die Finanzen geht: Leider Nein! Vor einem halben Jahr musste auch das Atelier van Lieshout Zugeständnisse an wirtschaftliche Zwänge machen und das Team von 35 Leuten auf gute 20 gesund geschrumpft. Van Lieshout sieht's positiv. Es werden nun weniger Aufträge angenommen und die Motivation seiner Mitarbeiter - der längstgediente ist schon seit acht Jahren bei ihm – sei in der kleinen, familiäreren Gruppe einfacher geworden. Besonders die gestiegene Eigenverantwortung in den jeweils einem Designer zugeordneten Projektgruppen gäbe ihm die Chance, an seinen "zweidimensionalen" Arbeiten zu tüfteln.

Zum Beispiel an Call Center, das bisher nur auf dem Papier, ein sehr dunkles Thema behandelt: "Die Weiterentwicklung eines KZs", schmunzelt van Lieshout als würde er von einem Pfadfinderlager erzählen, und "wie sich ein solches Arbeitslager mit den heutigen Technologien und Wirtschaftsmodellen verbessern ließe." Konzipiert ist es für eine Teilnehmeranzahl von 200.000, die – falls geeignet - im High-Tech-Dienstleistungsbereich arbeiten sollen. Die anderen 80 Prozent - die "Aus-Selektierten" - würden dem Kreislauf des Systems rückgeführt: als Nahrung oder Heizmaterial. – Nicht gerade eine subtile Kritik am gängigen Prinzip von Effektivität und Produktivität. Die unsäglich brutale Szenerie ist in ihrem überzogenen Gebärden aber vermutlich der einzige Weg, sich dem Thema neuerlich anzunähern. Warum eine solche Arbeit? "Vielleicht, weil ich ein bisschen verrückt bin", lacht van Lieshout, um sofort zu relativieren: "Nein."

Keine strenge Trennung ziwschen den Extremen

Van Lieshout, der von sich behauptet nicht an Tagespolitik interessiert zu sein, stellt moralische Fragen – etwa zu Nationalismen und der Überalterung der Gesellschaft - in den Raum, konkrete Antworten will er keine liefern. Auf der Ebene der Provokation stimuliert er die gesellschaftliche Debatte.

Die Idee des Freistaats und das ungezwungene Arbeiten inmitten der runden bunten Ästhetik des Ateliers könnte keinen krasseren Gegensatz zu den aktuellen Projekten, darunter die in der Wiener Ausstellung gezeigten Installationen Der Disziplinator und Der Technokrat, bilden. Joep van Lieshout zieht keine strenge Trennlinie zwischen beiden Extremen. "Ich werfe AVL Ville und Call Center auf einen Haufen", letzteres sei das Modell der "idealen Stadt", ideell gesehen verhalte es sich aber genau umgekehrt. "Meine Arbeiten haben stets mehrere Schichten, es sind keine Geschichten mit Anfang und Ende". (Langfassung eines Berichts, erschienen in DER STANDARD, Printausgabe, 22.06.2005)


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