| Salzburger Nachrichten am 28. April 2006 - Bereich: Kultur
Die totale Konzeptlosigkeit Stadtmuseum Graz zeigt 90
Prozent des Gemäldebestandes - "An-Sammlung"
Martin BehrGraz (SN). Eine üppige Bilderflut ist auf den schwarz
gestrichenen Wänden im Grazer Stadtmuseum: Ein "Herrenporträt" von Wilhelm
Thöny neben einer Grazer Dachlandschaft von Adolf Osterider, eine
Abstraktion Wolfgang Holleghas neben einer gemalten Madonna mit Kind,
Farbexperimente von Jorrit Tornquist in der Nähe von Fritz Silberbauers
"Allegorie auf den Tod". Wie das alles zusammengehört? "Gar nicht", sagte Otto Hochreiter, der
neue Direktor des 1928 gegründeten Grazer Stadtmuseums, am Donnerstag in
einer Pressekonferenz. Die Donnerstagabend eröffnete Ausstellung "Die
Totale - Das Gemäldedepot des Stadtmuseums Graz" gebe nicht Einblicke in
eine planmäßige Sammlung, sondern in eine heterogene "An-Sammlung". Sowohl
in stadthistorischer wie in kunsthistorischer Sicht sei die Bilderflut
wenig repräsentativ. Die Neuinventarisierung der Kunstgegenstände im Grazer Stadtmuseum ist
abgeschlossen, unter den 70.000 katalogisierten Objekten befinden sich
9000 Arbeiten auf Papier, 800 Gemälde und 290 Skulpturen. Mindestens 39
Skulpturen und 161 Gemälde sind, wie berichtet, "abhanden" gekommen, der
Grazer Stadtrechnungshof und die Staatsanwaltschaft sind informiert. Mit den vorhandenen Werken der Malerei sei es aber unmöglich gewesen,
eine schlüssige Geschichte zu erzählen, sagte Hochreiter. In der
Vergangenheit sei zufällig gesammelt worden, nicht selten seien politische
Interventionen den Ankäufen voraus gegangen: "Es gab auch viele klassische
Sozialankäufe, diverse Schenkungen, aber kein Sammlungskonzept und keine
wissenschaftliche Bearbeitung." Die bis 17. September geöffnete
Wunderkammer der großteils steirischen Malerei ist, wenn man so will, eine
ironische museumsdidaktische Schau. Sie zeige ein irreführendes Bild der
kulturell-ästhetischen Strömungen der Steiermark, erläuterte Hochreiter:
"Die Totale bietet keine Möglichkeit der Konzentration und Vertiefung,
aber das Herstellen der jeweils eigenen Ausstellung im Kopf." Obwohl sie nicht chronologisch, sondern nach dem Zufallsprinzip gehängt
ist, macht die Ausstellung historische Lücken der Sammlung deutlich. So
sind 20er und 30er Jahre und Gegenwartskunst kaum vertreten. Otto
Hochreiter plant, die Sammlung zu ergänzen und eine Ankaufskommission zu
bilden. |