

Vor wolkenbewegtem Himmel und geradezu leidenschaftlich aufgeworfenen Eisschollen wirkt sie fast überirdisch: die Nanjing-Brücke über den Jangtse, den längsten Strom Asiens. Fast überirdisch war auch die Errichtung dieser 20 Meter breiten und mit Zubringern fast sieben Kilometer langen zweistöckigen Auto- und Eisenbahnbrücke zwischen 1960 und 1968. 10.000 Arbeiter wurden benötigt.
Das eindrucksvolle Bild der Brücke, das der chinesische Künstler Cao Kai sich fast wie eine Bergkette vor der am Computer aufgetunten und daher irreal wirkenden Landschaft erheben lässt, drückt die Ferne aus, in die die politischen Symbolik inzwischen gerückt ist. An der Wende zu einem kapitalistisch orientierten Gesellschaftssystem, 30 Jahre nach der Kulturrevolution in China nimmt die Suche nach den Wurzeln und Traditionen des Landes bei den Künstlern einen großen Stellenwert ein.
Im Kunstraum Niederösterreich antworten derzeit mit "Journey to the West" dreizehn chinesische Künstler auf den Dialog mit österreichischen Künstlern, die 2006 im RCM Art Museum in Nanjing ihr Wissen und ihre Vorstellungen des fernen Landes und seiner Traditionen präsentierten.
Lin Jingjing findet für die lang ersehnten und neu gewonnenen Freiheiten der Chinesen das Bild des Fliegens, das gleichzeitig auch noch mit einem - der Ungewissheit und Aufregung wegen - flauen Gefühl verbunden ist. Die Silhouetten springender Menschen schneidet sie aus und näht sie zwischen die Seiten eines wolkigen Wattebuchs. Ein zauberhafter Effekt. Wie Wölkchen schweben die von Liu Liyun aus Stoff und Watte genähten Alltagsgegenstände - Mikrowelle, Computer, Mobiltelefon und Toaster - im Galerieraum und bringen zwei Bewusstseinszustände einander näher: Realität und die Sehnsucht nach dem Träumen.
Die Beziehung zwischen Vorstellung, Gedächtnis und Realität untersucht auch Jiang Jihui in einem mit unheimlichen Sounds unterlegten Video. Und Dong Wensheng thematisiert die Passion für exotische Steine, wie jenem des in Seen ausgehöhlten Taihus. Er begleitet den Stein, für ihn ein Symbol für die traditionelle Kultur, zurück an seinen ursprünglichen Platz, befreit die Tradition vom oberflächlichen Blick. (kafe DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.12.2007)