Salzburger Nachrichten am 24. April 2003 - Bereich: kultur
Können Esel fliegen?

Die Ausstellung "Himmelschwer" bestückt die Kulturhauptstadt Graz mit alter und neuer Kunst zwischen Gravitation und "Erhebung".

MARTIN BEHR

Zerschlissene Kunststoffsofas hier, deplatziert wirkende Betonskulpturen da: Die Kulturhauptstadt Europas konfrontiert im öffentlichen Raum mit zahllosen Objekten, die Kunst sein wollen und den urbanen Raum "möblieren" sollen. Weniger Mobiliar als gezielt eingesetzte Motivation zur Denkübung sind jene Open-Air-Installationen, die als Teil des Ausstellungsprojektes "Himmelschwer" fungieren. Der von Werner Hofmeister entworfene, vom Kreuz springende (und blasphemiefreie) Erlöser im Schatten des Kalvarienbergs etwa oder die von einigen Altstadtdächern wolkenwärts montierten goldenen Leitern von Maaria Wirkkala. Aufstiegshilfen wohin? Und für wen?

Aufstieg und Fall im Hof des Grazer Priesterseminars. Antony Gormley (der eben auch in der Salzburger Galerie Ropac eine Ausstellung hat) hat hier 65 seiner jeweils 650 Kilo schweren Eisenfiguren arrangiert. Hockende, Liegende, Gekrümmte, Sich-Erhebende, Stürzende beleben als "kritische Masse" die Hermetik des Ortes: die nach unten wirkende Kraft dominiert.

"Autonome Kunst" und christliche Religion

Die Erdenschwere des Menschen sowie Möglichkeiten zur Überwindung derselben sind nicht nur in den Außenstellen, sondern vor allem im Landesmuseum Joanneum ein Thema. Hier stellt Projektleiter Johannes Rauchenberger die Frage nach den "Transformationen der Schwerkraft", wird das "entzweite Verhältnis von autonomer Kunst und christlicher Religion" nicht geleugnet, hier wird historische Ikonografie mit zeitgenössischer Kunst konfrontiert, die religiöse Dimensionen besitzt.

Nicht immer sind die Parallelen so offensichtlich wie zwischen der Braut, die sich zu schweben traut (Rosemary Laing), und der aus 1770 stammenden Levitation des hl. Joseph, gemalt von Joseph Adam Mölck. Stimmig sind die Konfrontationen zumeist, Gormleys mit Stahlstäben gespickter Mensch etwa korrespondiert mit Lorenzo Berninis Modell der Verklärung Christi.

Wie sich ein Esel in luftige Abgehobenheit manövrieren könnte? Ein Video von Lara Favaretto widmet sich dieser Frage und unterstreicht, dass dem mehrköpfigen Kuratorenteam (neben Rauchenberger Eleonora Louis und Alois Kölbl) Elemente wie Witz und Ironie nicht fremd sind: keine Selbstverständlichkeit im hierzulande geknüpften Beziehungsgeflecht von Kunst und Kirche.

Gerd Bonfert lässt in seinen Fotos die Menschenmasse verschwinden, Anna und Bernhard Blume symbolisieren mit ihrem "Küchenkoller" einen wahrhaft apokalyptischen Erdäpfel-Sturz, Attila Csörgös Öl-Experimente werden barocker Kuppelmalerei entgegen gestellt: Die Didaktik von "Himmelschwer" erscheint in Arbeiten wie diesen leichtfüßig.

Ein Schau-Parcours mit über 120 Mitwirkenden

Bei einem kunstgeschichtlichen Parcours mit über 120 Mitwirkenden sind Wiederholungen kaum zu vermeiden, nie wirkt die von Eklektizismus geprägte Schau aber blutleer. "Himmelschwer" geizt mit Hoffnungsverheißungen für eine Wiedervereinigung von Kunst und Religion, die leider auf das Christentum reduziert wurde. Jedoch: Distanz und Interesse schließen einander nicht aus.

Am Ende lässt Sigmar Polke Waffeln schweben, setzt Arnulf Rainer auf Kitsch, um gen Himmel zu gelangen, ist die Distanz zwischen einem Vesperbild aus dem 15. Jahrhundert und Geoffrey Hendricks "Sky Boots" nicht nur räumlich gering. Ein mögliches Fazit liefert Felix Philipp Ingold im Katalog: "So unzählig der Himmel, als wäre er leer."

"Himmelschwer". Ausstellungsprojekt zu "Graz 2003". Grazer Altstadt und Landesmuseum Joanneum. Bis 15. Juni, Di.-So. 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr.