Wind of Change

Eine Auswahl russischer Sites im Kunstbereich von Sandra Manhartseder.


Russland ist in Bewegung, vernimmt man des öfteren. Und das gilt auch für die webmäßige Infrastruktur und russische Usergewohnheiten. Begonnen hat aber alles um 1995 - nicht zuletzt aufgrund der Einrichtung des russischen Open Society Instituts der Soros Foundation, einem internationalen Netzwerk zur Förderung offener Gesellschaften.

Während Moskau und Sankt Petersburg sich akzeptabler öffentlich zugänglicher Internet-Terminals erfreuen, herrscht in der "Provinz" noch gewaltiger Nachholbedarf, um den sich Soros nun kümmern will.

Grande Dame

Prominentes Beispiel für die Effizienz dieser Politik ist die Netzkünstlerin Olja Lialina. Sie arbeitete in Moskau als Filmkritikerin und entwarf 1995 die Homepage von Cinefantom, dem in den 80er Jahren entstandenen Klub für russisches Experimentalkino. Computer und Modem wurden vom Open Society Institut zur Verfügung gestellt. Mittlerweile ist Olja Lialina zweifelsohne die bekannteste russische Netzkünstlerin, was vermutlich daran liegt, dass sie sich in ihren Projekten sprachlich an die "Netznorm" anpasst: "Wenn ich etwas für das Netz mache, fange ich an, auf Englisch zu denken, auch wenn mein Englisch recht einfach und stereotyp ist. Mein Englisch besteht nur aus 100 Wörtern, die ich immer wieder neu kombiniere. Das ist eben mein Netz-Englisch. Die Texte in meinen Arbeiten sind nicht aus dem Russischen übersetzt."

Netzfilm

Olja Lialina, die nicht nur als Kritikerin mit dem Experimentalfilm verbunden ist, sondern auch selbst zwei gestaltete, verwertet diese Erfahrung auch in ihren Netzprojekten: Das bekannteste und vor allem im Westen erfolgreiche My boyfriend came back from the war erhielt die Bezeichnung "Netzfilm".

Pionier russischer Netzkunst

Alexej Shulgin ist neben Olja Lialina der zweite, der westliche Bekanntheit erreichte. Als Pionier russischer Netzkunst und Gründer der ersten Cyberpunk-Band ging er ein in die Ur- und Frühgeschichte der Netzkunst. Wenn es mittlerweile diesbezüglich auch eher ruhig um ihn geworden ist, lohnt doch immer noch ein Blick auf seine Ultimate remote sex solution.

Aus der Ur- und Frühgeschichte der Netzkultur stammt auch das von Shulgin mitbegründete Moscow WWWArt Center, die Sammlung erster russischer Netzprojekte.

Kein Weg führt vorbei

In der virtuellen Guelman-Galerie, the biggest web-site telling about Contemporary Russian Art on the Internet, präsentiert Marat Guelman, Russlands wichtigster und einflussreichster "Galerist" den aktuellen Stand der Kunst. Üblicherweise erwecken solche Superlative ja eher Misstrauen, diesmal ist es jedoch unangebracht.

Guelman hält im weiten, unüberschaubaren Land die kulturpolitischen Fäden fest in seiner Hand, und fast könnte man getrost behaupten, was sich nicht auf dieser Site findet, ist eben nicht Kunst. Tja, Zentralismus hat bekanntlich seine Vor- und Nachteile, das Angebot der Seite ist jedenfalls beeindruckend.

St. Petersburger Kulturserver

Beeindruckt wird man auch vom St. Petersburg Cultural Navigator, allerdings nur kurz. Nach der schönen Intro findet man einen Großteil der hübsch präsentierten Links dort, wo sie sich im RU-Net besonders häufig aufhalten: auf dem Friedhof. So manche - vor nicht allzu langer Zeit noch vorhandene - Künstlergruppe verweist ein wenig traurig und entschuldigend auf mangelnde Ressourcen hin.

Traditionalisten

Schlussendlich überlebt eben doch nur die Tradition: Die Hermitage und das Russische Museum, Tempel nationaler und internationaler Kunstschätze in St. Petersburg, präsentieren sich ungewohnt ordentlich und das sogar auf Englisch.

Ähnlich adrett ist der russisch-englischsprachige Museumsführer. Doch auch hier besteht die Gefahr, angesichts nicht funktionierender Links in große Trauer zu verfallen. In diesem Fall empfiehlt sich ein Besuch bei jenem Mann, Lenin nämlich, der auch nach 77 Jahren Aufbahrung immer noch gut erhalten ist.

Surfen auf der Emigrationswelle

Das "russische Netz", das zeigen nicht nur die Beispiele Olja Lialina und Alexej Shulgin, ist aber nicht unbedingt "das Internet in Russland". Russische EmigrantInnen und diverse Russophile bieten auch im deutsch- und englischsprachigen Raum Plattformen an, deren Repertoire von Partnervermittlung mit zweifelhafter Werbestrategie über Kochrezepte bis zur Förderung zeitgenössischer Petersburger KünstlerInnen reicht.

Wer nun nach einem Glas Wodka dürstet, dem seien noch zwei Seiten ans Herz gelegt: vodka.ru und wodka.de.

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