| Salzburger Nachrichten am 22. Dezember 2005 - Bereich: Kultur
Mossad, Mozart und Kugel Mozartwissen, nachdem
noch niemand gefragt hat. Julius Deutschbauer und Gerhard Spring behaupten
im Museumsquartier Wien: "Auch du bist Mozart!".
CHRISTINA RADEMACHERWIEN (SN). Wie wird eine Mozartkugel verdaut?
Wollen Sie so etwas wissen? Man wird im Mozartjahr 2006 noch manches
erfahren, von dem man gar nicht wusste, dass man es wissen wollte. Die
Künstler Julius Deutschbauer und Gerhard Spring haben sich uneigennützig
in den Dienst der Vermittlung dieses Wissens gestellt. Als Referat 2056
der zuständigen MA (= Mozartabteilung) suchen sie Menschen, denen etwas zu
Mozart eingefallen ist. "Jubel 2: Auch du bist Mozart, denke daran" heißt ihr in Koproduktion
mit der Wiener Mozartwoche und dem Tanzquartier realisiertes
Performanceprojekt, das am Dienstag im Museumsquartier Wien Premiere
hatte. Unter anderen war jene Dame dabei, die körperlich und filmisch den
Verdauungsweg einer Mozartkugel veranschaulichte. Sowohl die Performance
der braun gekleideten und geschminkten Caroline Heinecke als auch Video
blieben allerdings bis auf den Schluss im Ungefähren, was angesichts des
Themas wohl auch besser war. Mozartkugeln scheinen die Kunstschaffenden stärker zu beschäftigen als
bislang angenommen. Stefan Kühne erfüllte sich mit ihrer Hilfe sogar einen
"Jugendtraum" und bewarf sein Publikum zu viel zu langer Musik mit den
Nougatbällchen. Doch wer anderen die Kugel gibt, stirbt selbst daran. Innerhalb des Projektes "Auch du bist Mozart, denke daran" dürften
keine Aktivitäten Platz finden, die dem Image der Stadt Wien und des
Mozartjahres schaden könnten, betonten Deutschbauer/Spring. Als
MA-Bedienstete moderierten sie die Beiträge mit äußerster formaler
Strenge: Name, E-Mail-Adresse, Telefonnummer, Zahl der Mitwirkenden,
Konzept, Situation Beginn, Situation Ende, Applaus. Erst die Verwaltung,dann die Kunst Die Mitwirkenden hatten in der
Reihenfolge der Anmeldungen auf der Homepage aufzutreten. So ein
Mozartjahr will organisiert werden. Erst kommt die Verwaltung, dann die
Kunst. Die Kunst ist frei. Simon Steinhauser und David Jagerhofer nahmen
die phonetische Ähnlichkeit der Namen "Mozart" (Komponist) und "Mossad"
(israelischer Geheimdienst) zum Anlass ihrer Performance. Der 1961 geführte Prozess gegen Adolf Eichmann, im NS-Regime
verantwortlich für den Transport von Juden in Massenvernichtungslager,
wurde in Bild und Zitat dokumentiert. Daneben fesselten zwei fast nackte,
rauchende und saufende Männer eine Frau und fixierten sie auf einer
Österreich-Fahne. Es war von Bedeutung, dass die Frau afrikanischer
Herkunft war. Wo war da das Wolferl geblieben? Helga Schön ließ es in ihrem heiteren Dramolett mit seinem Stanzerl
schimpfen, das sich wieder einmal ein viel zu teures Kleid gekauft hatte.
Aber was soll's. Man muss sein Leben genießen, gell, Stanzerl! Nicht alle zwölf Beiträge überzeugten das Publikum. Der behördlich
vorgeschriebene Applaus fiel mitunter müde aus. Doch es gibt noch viele
Menschen, denen etwas zu Mozart einfällt. Und es gibt Deutschbauer/Spring,
die sie verwalten. Fortsetzung folgt: Noch 40 Veranstaltungen seien
geplant. Das Mozartjahr wird lang werden. Aber es muss sein. Vorschrift
ist Vorschrift.Vorläufig letzte Fortsetzung von "Jubel 2: Auch Du bist
Mozart, denke daran" heute, Donnerstag, um 20.30 Uhr im Museumsquartier
Wien, Halle G. Programm unter www.referatmozart2056.com |