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Unsentimental
zärtlich
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Mach doch selbst mal ein Foto!",
schnauzte der legendäre Fotograf und Magnum-Mitbegründer Robert Capa
von Paris aus ins Telefon. Inge Morath ging in einen Laden, ließ
sich vom Verkäufer einen Film in ihre alte, unbenutzte Kamera
einlegen und fing an, das im Herbstregen glänzende Venedig des
Jahres 1951 zu fotografieren. "Kaum hatte ich angefangen, den
Auslöser zu drücken, wusste ich, das ist die richtige Art für mich,
dem, was ich in mir habe, Ausdruck zu geben." Mit Fotografen hatte
die junge Journalistin Inge Morath schon viel zu tun gehabt. Die
Grazerin, die im besetzten Nachkriegsösterreich für den United
States Information Service und als Bildredakteurin für die Wiener
Illustrierte "Heute" gearbeitet hatte, war 1949 gemeinsam mit dem
Wiener Fotografen Ernst Strasser zur Pariser Fotoagentur Magnum
gestoßen. Die unabhängige Kooperative, in der sich Fotojournalisten
aus vielen Ländern zusammenfanden, war geprägt durch den
aufklärerischen Impetus ihrer visionären Begründer Henri
Cartier-Bresson und Robert Capa. Selbstbewusst kämpfte Magnum mit
den großen Reportage-Magazinen wie "Life", "Paris Match" und
"Harper's Bazaar" - den Abnehmern ihrer Bilder - um das Recht auf
die eigenen Negative und um die Kontrolle der Bildunterschriften.
Ihre Mitglieder reisten auf der Suche nach authentischen Zeugnissen
von Orten und Ereignissen kreuz und quer durch die Welt. Es war die
Hochzeit der großen Fotoreportagen, in der Inge Morath ihren
fotografischen Blick im Trockentraining schulte. Sie arbeitete als
Rechercheurin und Textredakteurin, aber selbst zur Fotografin wurde
sie erst, als sie Paris verließ und nach London ging. Sie schrieb
und fotografierte, verkaufte erste Arbeiten an Zeitschriften, kehrte
nach Paris zurück und wurde als erste Frau Magnum-Fotografin.
Inge Morath war eine Fotografin auf Reisen. "Wenn Inge einen
Koffer nur sah, begann sie zu packen", sagte ihr Mann, der
amerikanische Dramatiker Arthur Miller, den sie 1960 bei den
Dreharbeiten zu John Hustons Film "Misfits" kennen lernte. Die
Fotos, die Morath auf dem Set von "Misfits" von der selbstvergessen
tanzenden Marilyn Monroe machte, gehören bis heute zu ihren
berühmtesten und zeigen deutlich ihre Haltung als Porträtfotografin:
Es ging ihr nicht um Entlarvung, sondern um die Darstellung des
Selbstverständnisses einer Person. Ihren Blick prägte, was Arthur
Miller "unsentimentale Zärtlichkeit" nannte. Inge Morath akzeptierte
die Selbstinszenierung der von ihr Fotografierten als kreativen Akt.
Ihren Bildern haftet hingegen nichts Inszeniertes an. Klassisch
komponiert und bis auf einige wenige Ausnahmen immer in schwarz-weiß
fotografiert, entspringen sie dem Augenblick. Moraths besonderes
Interesse galt Künstlerporträts. Parallel verfolgte sie ihr Projekt,
die großen "Mutterkulturen" und Handelswege der Welt zu
dokumentieren. In hohem Maß sprachbegabt - sie lernte insgesamt acht
Sprachen -, neugierig und mit einem großen Talent für Freundschaften
ausgestattet, bereiste sie China, Indien, Südamerika, den Iran und
immer wieder Russland. Die fotografische Annäherung an Länder,
Kulturen und Völker, aus der zahlreiche Bücher und Ausstellungen
entstanden, erfolgte immer über Menschen; im Besonderen
Theaterleute, Schriftsteller, Maler oder Bildhauer.
Eine
ihrer letzten Reisen führte Morath im Herbst 2001 ins
steirisch-slowenische Grenzgebiet, aus dem ihre Familie stammt. Sie
wurde ihr zu einer letzten fotografischen Spurensuche - diesmal nach
den eigenen Wurzeln. Letzten Mittwoch starb Inge Morath 79-jährig in
New York. |
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