



"Die Drähte ragen wie Adern aus einem sezierten Körper" , so Kuratorin Verena Kaspar-Eisert über Judith Fegerls Eingriff.
Wien - Abends um neun wird es unweigerlich dunkel im Kunstraum Niederösterreich. Auch elektrisches Licht kann dann nicht mehr aufgedreht werden. Es fehlen nicht nur Lampen und Schalter, die komplette Stromversorgung ist gekappt, Netzwerke sind unterbrochen. Kabelbündel ragen, nutzlos geworden, wie Eingeweide aus den Dosen.
Judith Fegerl hat den Raum ausgeweidet, Wände herausgerissen, den Ausstellungsraum funktionsunfähig gemacht, um jedoch seine Identität im selben Augenblick erst zu offenbaren: Denn die Natur eines White Cube ist es, unsichtbar zu sein, weißgepinselt zurückzuweichen, seine architektonischen Eigenarten zu verbergen. Als Fegerl mit dem Kunstraum "fertig" war, lag der zwar da wie ein geschändeter "organloser Körper" , wurde aber in seiner Struktur, als sein Selbst sichtbar. Der Raum kann nun neu ausgelotet werden. Der Blick schweift und lässt sonst übersehene Dinge wahrnehmen: wie etwa das Deckenfresko des 16. Jahrhunderts.
Self, so der Ausstellungstitel, der auch ein Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Sein birgt, denn Fegerl hat auch die Datenleitungen kurzgeschlossen. Symbolisch gesprochen "zirkulieren" die Daten - "die Gedanken" , wie die 1977 geborene Fegerl in Referenz zum menschlichen Körper sagt - nun virtuell in den angedockten Kabelschlaufen, sind gefangen in einem geschlossenen System, auf sich selbst gestellt: "Du kannst keine Empfängergeräte mehr anschließen. Es gibt kein ,nach außen‘ mehr" .
Es sind nicht nur die strukturellen Vorraussetzungen des Ausstellens, die ihr drastischer Eingriff quasi in einer Art positiver Institutionskritik thematisiert. Vielmehr bezieht sich die technikaffine Künstlerin damit auf wesentliche Bedingungen eigener Arbeiten, die mit Kreisläufen und dem Versorgtwerden spielen, optische Repräsentationen für mentale Prozesse suchen. "Ich wollte keine Mini-Retrospektive machen, sondern das Mutterschiff zeigen, also das, was alle meine Arbeiten verbindet." Es sind immer Apparate und Maschinen, die Fegerl sehr offensichtlich an den Strom, eine metaphysische Energiequelle, anbindet. "Ich habe nie Kabel versteckt."
Die Symbiose von Mensch und Maschine, Körper und Technik steht im Zentrum ihrer Arbeiten. Sie sind lebenden Organismen gleichzusetzen: egal ob sich nun wie 2008 in der Kunsthalle Wien eine Art parasitäres Lichtsystem ansaugt oder der Betrachter im Künstlerhaus (Revers, 2010) durch seine Blutspende mit der Installation verschmilzt. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe, 07.07.2010)
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