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BAWAG Foundation: Öyvind-Fahlström-Retrospektive

Utopien von Gerechtigkeit durch eine Kunstsprache

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Debattieren Sie mit!Der interaktiv und in Multimedia sehr früh engagierte Künstler Öyvind Fahlström wurde 1928 als Sohn skandinavischer Eltern in São Paulo geboren - ein Ausgangspunkt für sein kosmopolitisches Verhalten und sein Aufgreifen der Utopien der sechziger Jahre, die alle Schranken der "Hochkunst" und des Trivialen durchbrochen hat. Er studierte Archäologie und Kunstgeschichte in Stockholm, arbeitete in mehreren Berufen und seine Reisen vermittelten ihm spezielle Sparten des Surrealismus mit Artaud und Michaux, aber auch linguistische Aktivitäten - so stammt von ihm auch ein "Manifest für konkrete Poesie" von 1953. Wort und Raum - werden mit Hilfe der Medien verquickt, anhand von Vorbildern aus der präkolumbianischen und mexikanischen Buchmalerei, dem japanischen Rollbild und Radio wie Film.
In den sechziger Jahren lebte er im gleichen Haus mit Rauschenberg und Jasper Johns in New York und begann sich vor allem den Comics zu widmen, die seinen Intentionen von Bildpartituren entgegenkamen.
Die Siebziger brachten dann die Kartografie mit ein, die er mit handschriftlichen Notizen seiner politischen Verärgerung über die Entwicklungen in Südamerika, der "Dritten Welt" und die Einmischungspolitik der Amerikaner füllte. Das visuelle Alphabet ähnelt somit auch den Figuren aus Worten, die bereits das Mittelalter für seine Buchmalerei erfunden hat. Das soziale Engagement ließ ihn in die Bereiche Druckgrafik, Multiples und ähnliche Billigverfahren für Masseneditionen wachsen, das breite Spektrum quer durch Poesie und Malerei, Konzeptkunst und Pop-Art usw. macht den 1976 an Krebs verstorbenen Künstler aber heute im Rückblick sehr wichtig für die neuen Tendenzen; 1997 war sein Werk deshalb auch bei der documenta in Kassel.
In der Ausstellung der BAWAG Foundation (bis 3. März), kuratiert von seiner dritten Frau Sharon Avery-Fahlström, wird das gesamte grafische Werk und die Multiples von 1954 bis 1976 gezeigt, dazu der Siebdruckfries "Opera" und neben dem "Manifest für konkrete Poesie" sind im Untergeschoss Radiopoesien zu hören - Collagen aus konkreter Poesie, Musik und Monstersprache.
Die beiden Logos "Esso" und "LSD" prangen als provokante Einheit von 1967 (auch von Werbung und neuen Drogen) über dem Aufgang, sie weisen ebenso in die sechziger Jahre wie der sichtbare Glaube an Kunst als Beitrag zum Völkerverständnis. Wer an diese sehr intellektuelle Schöpfung glaubte waren die Kollegen Oldenburg, Dine, Warhol, Lichtenstein, die seine Werke sammelten, die Zusammenarbeit mit Alfons Schilling führte 1966 zum Kurzfilm "Mao-Hope March" und Mike Kelley widmet ihm den Essay "Mythoswissenschaft" im Katalog.
Bei einem Besuch ist anzuraten, viel Lese- und Hörzeit mitzubringen, um Fahlströms dekonstruktive Methode und Verschlüsselungen annähernd nachzuvollziehen.

Erschienen am: 17.01.2002

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