Wien - Armut etwa war ihm sicher nicht ästhetisch genug. Die war von einer anderen Welt. Einer undenkbaren. Einer ohne Prinzen und Prinzessinnen, ohne Königshäuser und Premierminister. Einer ohne Coco Chanel, ohne Salvador und Gala Dali, ohne Sirs und Ladys. Dort, in dieser anderen Welt, wäre Cecil Beaton wohl kaum auf den Maharajah und die Maharani von Jaipur getroffen oder auf Wallis Simpson oder die Garbo.
Jetzt aber zu behaupten, er wäre Ästhetizist gewesen, wäre allein nach Maßstäben der Schönheit und der Form geurteilt, oder gar zu versuchen, Hedonismus ins Exzentrische zu treiben, um derart irgendwelche Werte auszuhebeln, ist auch daneben.
Cecil Beaton hat wie kaum einer der bekannten Fotografen des 20. Jahrhunderts sein Medium als Dienst an der Oberfläche begriffen, als Dienst im Auftrag der Macht. Und damit Bilder geprägt, die - ganz im Sinne höfischer Porträts - vor allem dazu dienten, jene gottgegebene Distanz zu konservieren, die den Imperator vom Volk, den Helden vom gemeinen Soldaten, den Star vom Fan trennt - Andachtsbilder. Das hat nicht nur der Vogue gefallen oder Vanity Fair, das hat auch zu den Auf-nahmen der Hochzeit des Herzogs von Windsor geführt oder zu jenen der Krönung von George VI.
Propaganda
Und dann eben 1940 - folgerichtig - zum Auftrag des britischen Innenministeriums, Winston Churchill und die Mitglieder seines Kriegskabinetts würdig abzulichten. Die weiteren Kriegsjahre verbrachte Beaton als Propagandafotograf der Royal Air Force. Hieß sein erster Bildband 1930, eine Sammlung inszenierter Seitenblicke auf die bessere Gesellschaft, The Book of Beauty, folgten die Bände zum Krieg dem praktizierten Pathos und nannten sich: History under Fire, Air of Glory oder Winged Squadrons. Klar, dass Beaton 1953 das offizielle Krönungsporträt von Königin Elisabeth II. angemessen weich zu zeichnen wusste.
Zwischendurch frönte er einem Hobby aus jenen Jugendtagen, die er am St. John's College der Universität von Cambridge verbrachte: dem Theater. Er inszeniert, entwirft Bühnenbilder und Kostüme, stattet Filmproduktionen aus. Sie heißen etwa Lady Windermeres Fächer, The School for Scandal oder An Ideal Husband. Sein selbst verfasstes Stück The Gainsborough Girls fällt beim Probelauf in der Provinz durch, seine Ausstattung zur amerikanischen Fassung vom My Fair Lady hingegen vermag zu begeistern.
Kunststück
Und also folgt der Auftrag zu Gigi in Paris ebenso wie jener zur Dekoration einer Galavorstellung in Covent Garden aus Anlass des Staatsbesuches von de Gaulle. Cecil Beaton hüllte den Präsidenten in 25.000 rosa Nelken und 600 Meter Seide.
Mit den 60er-Jahren kamen andere Größen auf: Twiggy, Keith Richards, Mick Jagger, und Cecil Beaton gelang - zumindest bei den beiden Stones - das Kunststück, sie ganz geschminkt festzuhalten, emotionslos und schön. Jagger wirkt 1967 in Marrakesch ebenso subversiv wie Johnny Weissmüller 1932 am Filmset zu Tarzan.
Jean Cocteau, Pablo Picasso, Gertrude Stein, André Malraux, André Gide, Jean Paul Sarte: Cecil Beaton hat es geschafft, sie staatstragend auf Barytpapier zu bannen, ihre jeweilige Eigenart mit kunstvollem Helldunkel zu kaschieren. Selbst Albert Camus lächelt 1946 milde wie ein Landarzt. Immerhin, man kann sich an Aufnahmen von Yul Brynner mit Haaren und Marlon Brando beim Lesen erfreuen. Und am wohl einzig überlieferten Rat-Pack-Gruppenporträt, auf dem die halb geleerte Whiskey-Flasche ebenso unglaubwürdig wirkt wie die Zigarette in Dean Martins Linker. Und an Sugar Ray Robinsons Porträt als idealer Schwiegersohn. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2004)