Zum anderen ein typisches Reportagebild: Bouna Medoune Seye, eine Generation jünger als Keita, hat es in den Neunzigern in Dakar gemacht. Es zeigt einen der vielen Obdachlosen, Verwirrten, Entwurzelten der Stadt. Der Fotograf hat mehrere Jahre ihre Schicksale dokumentiert, er sagt, er habe mit ihnen zusammengelebt, sei selber ein wenig verrückt, und in Dakar würde man solche Menschen nicht in die Psychiatrie stecken, denn die Dschinns, die bösen Geister, dürfe man nicht einsperren.
Zwischen Bildern wie diesen entfaltet sich eine Welt, die wir zumeist nur in Andeutungen und Verzerrungen kennen - Westafrika als Teil eines immer noch für "dunkel" gehaltenen Kontinents, was als abwehrende Metapher die Mühen erspart, eine komplexe gesellschaftliche Wirklichkeit zu erfassen. Fotos können da eine sozusagen blitzlichthafte Abhilfe schaffen. "Flash Afrique" heißt denn auch die erste große Ausstellung in Wien, die sich mit der Entwicklung des künstlerischen Mediums Fotografie in jener Region auseinandersetzt.
"In den Bildern ist eine Vielzahl von Botschaften verklausuliert", sagt Thomas Mießgang, der gemeinsam mit Kunsthalle-Leiter Gerald Matt die Ausstellung kuratiert, "und wir mussten sie lesen lernen: etwa dass in den Textilmustern Begriffe wie Abschied und Wiedersehen verschlüsselt sind oder dass eine bestimmte Haltung vor der Kamera dem Betrachter eine klare Aussage vermittelt." Es war die Kunst der Lichtbildner, dass sie mit reduziertesten Mitteln eine gültige Zeichensprache schufen, etwa indem sie für die Wunschvorstellungen ihrer Kunden verschiedene Traumtapeten malten, deren Motive sie westlichen Illustrierten entlehnten. Die jüngere Generation hingegen wandte sich überhaupt von den Studios ab und gingen "ins Feld", dorthin, wo bisher die Missionare und die Ethnografen geherrscht hatten: Eine indigene Tradition der Reportage- und Dokumentararbeit gab es nicht. Die Arbeiten von Malick Sidibé - unter anderem über die Jugendszene im Mali der Sixties - sind inzwischen populär geworden, nun rücken jüngere Dokumentaristen wie Seye nach.
Die längste Zeit verstanden sich die Fotografen als Handwerker. Den Kunstbegriff führten erst die angereisten Bewunderer, vorwiegend aus Frankreich, ins Treffen. "Es gibt da eine eigene Faszination mit Arbeiten aus der Dritten Welt", sagt Mießgang. "Man will eine gewisse Ermüdung durch den laufenden Kunstbetrieb im Westen ausgleichen." Etwas Licht ins Dunkel der hiesigen Meinungen und Kenntnisse kann jedenfalls nicht schaden. Ein Fotoatelier steht in der Wiener Kunsthalle bald bereit.
Die Ausstellung Flash Afrique - Fotografie aus Westafrika wird vom 7.
September bis 11. November in der Kunsthalle im Museumsquartier laufen. Dazu
wird es ein Symposium in mehreren Folgen über "Mining Cultural Diversity?" geben
sowie Mitte Oktober ein Musikprogramm zur Begleitung. Diagonal wird in Ö1 am 13.
Oktober das Stadtporträt Dakar wiederholen. Und der Fotograf Philip Kwame Apagya
wird im Rahmen der Ausstellung sein Fotostudio betreiben.
Der Katalog
erscheint bei Steidl, Göttingen (öS 390,-/EURO 28,34).
(Michael
Freund)
(DER STANDARD, Album, 1./2. 9. 2001)
Quelle: © derStandard.at