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23.03.2005 - Kultur&Medien / Ausstellung
Das politische Gewicht der Muscheln
VON JOHANNA DI BLASI

AUSSTELLUNG IN KARLSRUHE. "Making Things Public" kommt von germanischen Stätten bis zu digitalen Netzwerken.

I
n den vergangenen Jahren hat es zahl reiche Kunstausstellungen gegeben, die wie politische Demonstrationen linker Theoriebildung erschienen. Besonders augenfällig war der Trend zur Politisierung bei der "documenta 11". Sie war von Okwui Enwezor als postkolonialistische Sonde zur Überwindung westlicher Selbstherrlichkeit angelegt. Am Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM), einer avancierten Ideenschmiede, ist man aber nun der Ansicht, dass die "Kritische Theorie" (Horkheimer/Adorno) ausgedient hat.

Zwei Jahre nach der viel beachteten Schau "Iconoclash. Jenseits der Bilderkriege in Wissenschaft, Religion und Kunst" haben der französische Wissenschaftssoziologe Bruno Latour und ZKM-Leiter Peter Weibel eine dezidiert "nicht kritische" Ausstellung mit dem Titel "Making Things Public. Atmosphären der Demokratie" zusammengestellt. Mit Jacques Derrida betrachten sie Öffentlichkeit als "mobile" Größe, schwer lokalisierbar und identifizierbar, kurzum als Phantom. Die komplexe und fragile Sphäre des Politischen umfasse neben Parlamenten wissenschaftliche Labors, technische Projekte, Supermärkte, Finanzplätze, Kirchen, digitale Plattformen und vieles mehr und sei dringend angewiesen auf vermittelnde Instanzen und elaborierte Bürokratien. Weder Politik noch Demokratie seien indessen universelle Größen, das Zusammenbringen von Menschen und Dingen hingegen schon.

Der Titel "Making Things Public" ist doppelsinnig. Er rekurriert auf die germanische Ursprungsbedeutung des Wortes "Ding": das Ding als das, worum es in der Politik geht, und das "Thing" als Volks- und Gerichtsversammlung. Wie werden Dinge in die Öffentlichkeit gebracht und damit politisch? Wie werden sie im politischen Raum angemessen repräsentiert? Alles Grundfragen der größten, technisch aufwendigsten und teuersten Schau, die es bislang im ZKM gegeben hat.

Bis kurz vor Eröffnung der "Gedanken-Ausstellung" (Latour) wurden Geräte angeschlossen und komplexe Schaltkreise getestet. Ein technoider Wald aus opaken Stellwänden, flimmernden Bildschirmen, Sound-Installationen und Vitrinen mit oft rätselhaftem Inhalt sowie ein rundum interaktives Setting erwarten den Besucher. 260 Sensoren reagieren auf Bewegungen und Stimmen und lösen unvorhersehbare Effekte aus. Überraschend blenden Scheinwerfer auf, dröhnt Lärm aus Lautsprechern, fragen neugierige Monitore, wie es einem geht. Schuld ist ein Kunstwerk: das "Phantom Öffentlichkeit". Es lässt Besucher das wechselhafte Klima politischer Atmosphären spüren und spinnt Impulse eigensinnig weiter. Ausgeblendet wird, dass realiter nicht jeder derartige Öffentlichkeitseffekte erzielt.

Ein Parcours schlängelt sich entlang von 13 Stationen. Beginnend mit symbolisch-politischen Gegenständen indigener Kulturen führt die Tour zu mittelalterlichen und aufklärerischen Metaphern für das Zusammenbringen von Individuen: zu einer Kopie des berühmten Lorenzetti-Freskos "Die gute und die schlechte Regierung" aus dem Palazzo Pubblico in Siena und zu Thomas Hobbes monströsem "Leviathan", einem gekrönten Haupt mit einem Körper aus vielen einzelnen Menschen. Ein professioneller Zauberer hat im Auftrag des ZKM eine Illusionsmaschine aus dem 17. Jahrhundert nachgebaut, die eine diffuse Figurengruppe ebenfalls in ein Herrscherhaupt verwandelt.

In der Sektion "Die Parlamente der Natur" kann man mit Hilfe von Touch-Screens ergründen, was lokalpolitisch passiert, wenn sich Wolfsrudel touristisch erschlossene Alpenregionen zurückerobern. Süßwasser-Muscheln aus einem südfranzösischen Fluss werden als Indikatoren für den Verschmutzungsgrad von Gewässern herangezogen. Latour sagt über die träge dämmernden Tiere: "Das sind die ersten Muscheln, deren Stimmen politisches Gewicht haben." Selbst Philosoph Peter Sloterdijk steuerte ein kleines Kunstwerk bei: ein aufblasbares Parlament, das binnen 24 Stunden über befreiten Schurkenstaaten abgeworfen werden kann. Ein utopischer Ausblick mahnt am Schluss "neue politische Leidenschaften" jenseits des Rechts-Links-Schemas und des reflexartigen Abspulens von Meinungen und Emotionen ein.

"Museen sind die neuen Universitäten", behauptet Sloterdijk. Wenn dies zutrifft, sind Kuratoren die neuen Professoren. Weibel/
Latour gefallen sich sichtlich in der Rolle der "Pankuratoren", als Sammler politischer Sphären. Der Nachteil: Die Grenzen zwischen den Professionen verschwimmen. Die Kunst droht in multimediales Infotainment aufzugehen. Vielleicht handelt es sich um subtile künstlerische Rache, dass ein Exponat an die Dekoration von Modelleisenbahnen erinnert: Bei aller intellektuellen Sättigung - rund 100 Wissenschaftler und Künstler sind eingebunden, ein 1000-seitiger Katalog soll im Mai nachgereicht werden -, ein wenig fühlt man sich doch an megalomane Sandkastenspiele erinnert.

Die Ausstellung läuft bis 7. August im Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, Di. 10-16, Mi.-Fr. 9-18, Sa., So. 11-18 Uhr.

http:// makingthingspublic.zkm.de

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