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31.10.2005 - Kultur&Medien / Kultur News
Art Cologne: Ewig durchstarten, immer leuchten
VON JOHANNA DI BLASI
Rege österreichische Beteiligung auf der uferlosen 39. Kölner Messe.

Es klingt absurd: Das Problem des derzeitigen Kunstmessen- und Auk tionshandels ist nicht eine zu gerin ge Nachfrage. Sorgen bereiten im Gegenteil kaufwütige Horden, die den Risikobereich der zeitgenössischen Kunst als Spielwiese entdeckt haben und bei Messen regelrecht Kunst "shoppen" gehen. Verglichen mit dem fiebrigen Geschehen in Miami, Basel und London ist Köln ein geradezu altmodisch gemächlicher Marktplatz. Etwas vom Hype ist dennoch auf die 39. Art Cologne übergeschwappt. Und zwar auf die Stände mit großformatiger deutscher figurativer Malerei.

Michael Schultz aus Berlin hatte zwei Stunden nach Eröffnung die halbe Koje verkauft. Ein Museum sicherte sich ein sechs Meter breites Querformat des Baselitz-Schülers Norbert Bisky ("Pink Jeanne d'Arc", 55.000 Euro) mit blasenartig an den Kanten hereinblubbernden blonden Jünglingsköpfen. In dem megalomanen Format des Sohnes des prominenten PDS-Politikers Lothar Bisky, als dessen Sammler der Freiheitlichenchef Guido Westerwelle gilt (obwohl er nur zwei Bilder gekauft hat), schien sich das Entfesselte der aktuellen "New Art Economy" zu spiegeln.

Der Markt sei absolut heiß. Wenn die Blase platze, werde es aber nicht so wehtun, weil die Segmente viel breiter gefächert seien als in den achtziger Jahren, glaubt Schultz. Seinen Stand hat er dennoch mit einer überdimensionalen feuerroten Spritzpistole ("Ultramelt", Dirk Krechting, 35.000 Euro) gekrönt - zum Löschen, wenn's nötig wird. Sein Gegenpart vier weitläufige Messehallen weiter ist der Kölner Galerist Christian Nagel. Er gab sich am Eröffnungsabend demonstrativ idealistisch ("Mir geht es nicht ums Verkaufen") und schimpfte auf die Leipziger Schule. Neo-Rauch-Bashing gehört inzwischen zum guten Ton.

Nagel, der sich seit Jahren für eine Qualitätskonzentration der Kölner Traditionsmesse einsetzt und nun mitansehen muss, wie sie schamlos und höchst locker juriert in die Breite wächst, hat mit dem Segen des Art-Cologne-Direktors, Gérard Goodrow, in die Messe ein Gegenprogramm eingebaut. Sein "Open Space" ist eine Art offene Diskurs-Relax-Konsumier- und Verkaufszone.

Dazu wurden von einer Jury 40 Galerien eingeladen, die als heutige internationale Avantgarde angesehen werden. Sieben davon kommen aus Österreich, was ein enormer Erfolg ist. Die Teilnehmer an dem exklusiven Einladungsprogramm aus Wien sind Ernst Hilger, Georg Kargl, die Galerie nächst St. Stephan und Gabriele Senn, aus Salzburg Nikolaus Ruzicska und aus Graz Bleich-Rossi. Die offenbar zwangsgefütterten und verkabelten "Arschmänner" des von der Galerie Krinzinger vertretenen Ateliers van Lieshout gehören dabei zum Aufregendsten in diesem "Open Space". Insam aus Wien hat eine geförderte Videokoje für Karina Nimmerfall und Mezzanin eine für Anna Jermolaewa bekommen. Eine weitere Förderkoje haben Hohenlohe & Kalb erhalten. Salis & Vertis aus Salzburg sind mit einer exquisiten Bildersuite von Bonnard bis Poliakoff vertreten.

Die wahrscheinlich teuersten Werke auf der diesjährigen Art Cologne sind die pastellfarbene Darstellung "L'Orient" mit einer elegischen Nymphe von René Magritte (G.A.M. aus Monte-Carlo) und Edouard Manets "Rosengarten in Giverny" (Beck & Eggeling, Düsseldorf) für je 2,2 Millionen Euro. Eine Sonderschau aus 25 Jahren Förderprogramm erinnert an Entdeckungen: Rosemarie Trockel, Thomas Ruff, Joep van Lieshout und Neo Rauch tauchten auf der Messe auf, als sie noch unbekannt waren.

Ein Star von morgen könnte Christian Keinstar aus Polen sein. Er hat soeben erst die Kölner Kunsthochschule für Medien verlassen und ist schon beim Wiener Galeristen Lukas Feichtner untergekommen. Sich selbst stellt Keinstar lebensgroß als Zombie dar, der auf eine ewig durchstartende, immer im "Afterburn" aufleuchtende Rakete starrt: eine wahrlich apokalyptische Versinnbildlichung des heutigen Shooting-Starkults.

Nach dem Umzug in weiter vom Zentrum entfernte Räumlichkeiten - die historischen Rheinhallen hat RTL bekommen - dominiert endgültig das schnell konsumier- und wiedererkennbare Kunstgut. Die vorgebliche Fülle ist in Wirklichkeit ein verengtes Programm. Der Philosoph Boris Groys sagte bei einer Vorbesichtigung: "In Köln herrscht das erhabene Mittelmäßige". Mit über 260 Galerien - darunter 22 aus Spanien, 17 aus Österreich und 12 aus Korea - ist die Art Cologne uferlos geworden.

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