Salzburger Nachrichten am 1. Februar 2006 - Bereich: Kultur
Kunst als Diebsgut

Teure Kunstwerke werden von kriminellen Banden als Sicherstellungen im Drogengeschäft eingesetzt. Nun wächst das Interesse an zeitgenössischer Kunst.

London (SN-hkk). Ein beträchtlicher Teil gestohlener Kunstwerke wird als Tausch- oder Pfandobjekt in Drogen- und Waffengeschäften verwendet. Kunstwerke seien wie Waren, die kriminelle Organisationen untereinander austauschten, erläuterte Dick Ellis, bis vor kurzem Chef der Kunst- und Antiquitätenabteilung von Scotland Yard, dieser Tage in einem Interview mit der "Financial Times". Ein professioneller Kunstdieb stehle nicht im Auftrag von Kunstliebhabern, erläuterte Ellis. Zum Beispiel sei das Bild "Liebesbrief" von Gabriel Metsu, in Irland gestohlen, in Istanbul wieder aufgetaucht, wo es als Pfand in einem riesigen Heroingeschäft verwendet worden sei. Das Bild wurde dem Anbieter des Heroins als Sicherstellung gegeben, während der Käufer die Barzahlung nach und nach - je nach Weiterverkauf der Drogen - leistete. Offenbar zirkulieren Kunstwerke jahrelang auf diese Weise in kriminellen Netzwerken und tauchen nur zufällig bei Polizeirazzien auf.

Auch ein Selbstporträt Rembrandts sowie zwei Gemälde von Renoir - diese drei waren aus einem schwedischen Museum gestohlen worden - waren jahrelang in den Händen internationaler Drogenhändler. Vor rund einem Monat wurden drei Männer verhaftet, die in Kopenhagen versucht hatten, das Rembrandt-Bild freizukaufen.

Angeblich sind unter Drogenbanden weltweit Kunstwerke im Wert von mehreren Milliarden Euro in Umlauf. Bisher waren diese Kriminellen vor allem an klassischen Meisterwerken interessiert.

Es heißt, dass nun die "Nachfrage" nach Zeitgenössischem wachse, da bei Auktionen moderner Kunst der Preistrend nach oben weist. Nächste Gelegenheit, um dies zu beobachten, ist eine spektakuläre Auktion von Sotheby's in London am 9. Februar, wo zum Beispiel Bilder von Yves Klein und Gerhard Richter mit je ein bis 1,5 Millionen Pfund (1,4 bis 2 Millionen Euro) Schätzwert angeboten werden. Nach Angaben des FBI (Federal Buerau of Investigation der USA) verursachen Kunstdiebe weltweit pro Jahr Schäden von etwa sechs Mrd. US-Dollar. Laut FBI-Dokumentation über gestohlene Kunstwerke war der kostbarste Raub der Vorjahre die Plünderung von Museen und Ausgrabungsstätten im Irak im Jahr 2003; allein davon fehlen noch immer 7000 bis 10.000 Objekte. Weitere gestohlene Kostbarkeiten sind "Der Schrei" von Edvard Munch sowie Gemälde von Vincent van Gogh, Leonardo da Vinci und Paul Cézanne. Das FBI und Interpol haben eigene Websites über Kunstdiebstahl eingerichtet.Internet: www.fbi.gov/hq/cid/arttheft/arttheft.htm, www.interpol.int/Public/WorkOfArt/Default.asp.