Biennale-Pavillon. Deutschland als Einbauküche
Deutschland ist eine Einbauküche - zumindest auf den ersten Blick, wenn man den von dem Briten Liam Gillick gestalteten Deutschen Pavillon auf der 53. Kunstbiennale betritt. Denn Gillick hat schlichte Küchenzeilen aus Tannenholz in die hallenähnlichen Räume des vor 100 Jahren erbauten und in den 1930er Jahren von den Nazis umgestalteten Gebäude gestellt. Einzige Farbtupfer: bunte Plastikbänder gegen Insekten an den Eingängen und eine ausgestopfte, sprechende Katze auf einem der Schränke. Damit hat es Gillick einigen seiner Vorgänger gleichgetan und sich von der herrschaftlichen Architektur des streng-weißen Pavillons inspirieren lassen. Die Spannung zwischen den beiden so gegensätzlichen Architekturen erschließt sich dem Betrachter allerdings unmittelbar.
„Diese Küche passt nicht wirklich in dieses Gebäude“, erklärte dann auch Nicolaus Schafhausen, zum zweiten Mal Kurator des deutschen Beitrags, am Donnerstag bei der Vorstellung des deutschen Pavillons in den Kunstgärten der Lagunenstadt. Gillick habe den Prototyp der Einbauküche zum Vorbild genommen, nämlich die von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky 1926 für Arbeiterwohnungen entworfenen „Frankfurter Küche“. Sie stand für Pragmatismus, Modernität und die „Utopie eines komfortableren Lebens“, sagte Schafhausen. Damit konfrontiere Gillick eine demokratische mit einer herrschaftlichen Architektur.
Den Kontrapunkt bildet die ausgestopfte Küchenkatze, die „einzige sprechende Katze der Welt“, wie Schafhausen sagte. Was Fans von Garfield und Pattersons Findus auf den Plan rufen dürfte. Doch dieses Tier fungiert als Orakel, denn es erzählt eine sich im Kreis drehende Geschichte von Fehldarstellungen, Missverständnissen und Wünschen, die im Raum erklingt. „Diese Katze weiß um die Vergangenheit und sie weiß um die Zukunft“, sagte der 1965 in Düsseldorf geborene Schafhausen. Es geht also um den Dialog, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, der eigenen Wirklichkeit und der Frage „Was wäre, wenn?“. Und so hat Gillick seinen Beitrag auch „Wie würden sie sich entscheiden? Eine Küchenkatze spricht“ genannt.
Zuvor hatte die Entscheidung für den britischen Künstler zu kontroversen Diskussionen geführt. Der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler hatte gar gefragt, ob Deutschland keine Künstler mehr habe, die das Land auf der weltweit wichtigsten Kunstschau vertreten könnten. Andere sahen in der Wahl gerade ein Zeichen, dass die Kunst eben keine Ländergrenzen kennt. Und Kulturstaatsminister Bernd Neumann hob es am Donnerstag bei der Vorstellung noch als Novum hervor, dass erstmals ein ausländischer Künstler sein Werk im Deutschen Pavillon präsentiere.
Doch tatsächlich folgt der deutsche Beitrag der auf den ersten Blick an eine unfertige Ikea-Küche erinnert, ganz dem Geist der 53. Kunstbiennale (7. Juni bis 22. November). „Die Biennale ist keine Schau, die die Kunst der verschiedenen Nationen abbilden und die besten Künstler zeigen soll“, hatte Biennale Präsident Paolo Baretta noch am Donnerstag gesagt. Und der künstlerische Direktor Daniel Birnbaum erläuterte erneut das diesjährige Motto „Weltenmachen“: Es gehe um den Prozess selber, darum, dass der Künstler etwas „macht“ und sich mit seiner Welt auseinandersetzt.
Und Schafhausen selbst bügelt jede Kritik inzwischen ohnehin entnervt ab: „Der Kurator, in dem Fall ich, hat Liam Gillick nach seiner künstlerischen Arbeit, nicht nach seiner Nationalität ausgewählt.“ Das hätten Birnbaum und Baretta wohl kaum schöner formulieren können. Zumal die Vielfalt der deutschen Kunst unter anderem mit Wolfgang Tilmans, Ulla von Brandenburg, Tobias Rehberger und Hans-Peter Feldmann bestens am Canal Grande vertreten ist.
(Internet: www.deutscher-pavillon.com www.labiennale.org)
(Achtung: Zusammenfassung zur heutigen PK der Kunstbiennale- Veranstalter sowie mit Eröffnung des Deutschen Pavillons folgt.) dpa bs yyzz a3 k6 mh
© SN/SW