Palais Harrach: Arbeiten von Alfred Hrdlicka
Der zornige Mitleidige
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Sein Werk konnte nur in einem katholischen Land entstehen,
das dem Menschenbild stärker zugeneigt ist als der evangelische Bereich
mit seiner Vorliebe für Wort und Abstraktion: Alfred Hrdlicka, 1928
geboren, und noch letztes Jahr - trotz Krankheit - mit Richard Wagner und
Bühnenbildern in Meiningen schwer beschäftigt, ist ohne Zweifel eine der
vielseitigen Begabungen Österreichs, einer der unbeirrten Steinbildhauer,
der Moden und neuen Medien nicht nachgibt. Er schreibt, ist ein
gefürchteter Redner (in Talkshows), lehrte, zeichnet und radiert, und
seine Plastiken werden zumeist in Bronze umgesetzt. Im Palais Harrach
kam es zu einer Zusammenarbeit des Kunsthistorischen Museums mit dem
Künstler, der Galerie Hilger und dem Gastkurator Peter Baum - Direktor der
Neuen Galerie der Stadt Linz. Bis 28. Februar sind in den barocken Räumen
etwa 220 Werke untergebracht - auf das Ambiente wurde von Baum subtil
eingegangen, lieber weniger als zuviel gehängt, die Skulpturen
dazugereiht, die Fenster geöffnet und vor allem die kleinen Plastiken ins
Licht gerückt. Die Werke stammen aus fünf Wiener Privatsammlungen,
eine davon ist die des Galeristen Ernst Hilger selbst, der viele
interessante Zyklen seit Beginn der Zusammenarbeit 1980 gesammelt hat.
Der Universalist Hrdlicka verbindet politisches und soziales
Engagement einerseits mit einem Rückblick auf Künstler wie Michelangelo
(im Schälen von Titanen und Giganten aus dem Block), Rodin (im
Torsohaften) und Medardo Rosso (in der unruhigen Oberfläche der kleineren
Plastiken) - andererseits auch mit seinem Schubert- und Wagner-Zyklus.
Seinem Lehrer Fritz Wotruba, nach einem Studium für Malerei bei Gütersloh
und Dobrowsky an der Wiener Akademie, verdankt er das Festhalten an der
klassischen Bildhauerei; er entschied sich schon früh für die realistische
Figur, was ihm in der ersten Zeit (ab der ersten Ausstellung in der
Zedlitzhalle 1960) auch viel Kritik seitens der damaligen zwei Lager (der
Phantasten und der Abstrakten) einbrachte. Seine Büsten von Renner,
Kokoschka und erst recht seine Mahnmale gegen Krieg und Faschismus waren
Anlassfälle für erhitzte Diskussionen bis zu Wiederverwendungen
nazionalsozialistischer Phrasen wie "entartet", die er in Büchern
kommentierte und dokumentierte. Positiver Kritik auch nicht gerade
aufgeschlossen und oft zu emotional, handelte er sich den Titel des
"Enfant terrible" ein und wurde auf Grund seiner Sympathien für den
Kommunismus als Stalinist beschimpft. Seiner Bildung gemäß und seinen
Interessen entsprechend, war er von den siebziger Jahren an
Hochschullehrer in Stuttgart, Hamburg, Berlin und Wien. In der
Retrospektive lässt sich gut erkennen, dass neben den Bildhauervorbildern
auch solche in der Malerei existieren: Gericault, Goya, Zurbaran, die er
mit entlarvender männlicher Erotik paraphrasiert, wobei er Grausamkeit,
Hinterlist, aber auch Schmerz und Leid des Menschen herausfiltert. Die
Themen sind deshalb auch aus der Literatur, aus der Geschichte, der Oper
und Schuberts Winterreise gegriffen: Ein Humanist aus Groll oder ein
Mitleidiger voll Zorn. Der Katalog wird während der Ausstellung
erscheinen.
Erschienen am: 16.01.2002 |
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