Sie ist in Japan, Amerika, Australien beinahe so zu Hause
wie in Wien - wo sie zehn Jahre lang am Schillerplatz in der Meisterklasse
Wolfgang Holleghas als Assistenzprofessorin wirkte. Im Semper-Depot, das
der Akademie gehört, waren vor fünf Jahren in ihrer bisher einzigen großen
Wiener Ausstellung fünfzig ihrer 2,5 mal 2 Meter hohen Bildzeichentafeln
zu sehen. Im Salzlager der Stadt Hall in Tirol gelang Claudia Hirtl im
letzten Herbst mit 141 dieser Tempera-Großformate eine alle Konventionen
sprengende Raum-Bild-Inszenierung. Der Titel: "Redefiguren oder Die Stille
des Nach-Sehens".
Nun bereitet sie einen wegen der hohen Transportkosten
viel bescheideneren Auftritt in Sydney vor. In Wien, Zürich, London sucht
sie seit zwei Jahren Interessenten "für eine große Theaterarbeit". "A
multimediatic theatre" heißt das Projekt. Nach welchem Text? "Das Wort
wäre peripher, ich plane Bilder in Bewegung, Tänze, von Chören
vorgetragene Rezitative".
1996 entwickelte sie für das Phenomena Festival in
Jerusalem gemeinsam mit Christine Jubanovic eine unter freiem Himmel
gezeigte Multimedia-Performance und ein Künstlerbuch ("Yam") aus den vier
Alphabeten (hebräisch, lateinisch, armenisch, arabisch) der in den vier
Vierteln der Altstadt lebenden Gemeinschaften.
Im Neubau der Chirurgie in Salzburg findet man
Hirtl-Bildvisionen schon in der Eingangshalle. In Kofu in Japan bekam sie
1999 ihren bisher spektakulärsten - und lukrativsten - Großauftrag: eine
dreidimensionale kinetische Wandinstallation mit einem computergesteuerten
Bewegungsprogramm an der Fassade eines altehrwürdigen, denkmalgeschützten
Konzertsaals.
Entwicklungsschritte
"Kunst am Bau" und immer wieder Sammler sichern ihr die
Existenz und die Möglichkeit zu reisen. Eine Nichtseßhafte - auch mit
reichen Afrika-Erfahrungen! Fünf, sechs ihrer Bilder verkaufe sie pro Jahr
- sagt die seit ihrem Abschied von der Wiener Akademie 1995 wieder
freischaffende Tirolerin im Gespräch in ihrem Atelier nahe dem Wiener
Westbahnhof, einer ehemaligen Gewerbehalle. Aber ihr ganzes OEuvre behält
sie im Kleinformat griffbereit, auf Dias und Bild-CDs.
Unverwechselbare Bilder! Sie schöpft sie aus jenen
japanischen Schriftzeichen, die einen komplexen Begriff symbolisieren und
"kanji" heißen. In ihrem Zeichensystem kann man seit über zehn Jahren
sachte Entwicklungschritte ablesen! So entfernte sie sich von harten
geometrischen Formen, strebte einer Lebendigkeit zu, als wollten die
Buchstaben neuerdings mehr erzählen.
In ihrer aufwendigen Tempera-Lasurtechnik setzt sie auf
ihre genormten Großleinwände "Hauptsätze" - so ihr Schlüsselwort; die
Kleinformate nennt sie "Nebensätze".
Ihre Bilder tragen Nummern; die Bildtitel behält die
Malerin für sich - wie auch im Kunstbetrieb ihren Vornamen.
Herb-distanziert grüßt die Frau, die als Single lebt und täglich Sport
betreibt, als Hirtl von Plakaten, Einladungskarten, CD-Covern.
Ritualisierte, vielleicht priesterliche Distanz und eine penible Ordnung
sind wohl notwendige Korsette, wenn man sich in elementaren Bezirken auf
Forschungsabenteuer einläßt. Hirtl findet ihre "Hauptsätze" auf fünf
Forschungsrouten: "Sprache, Zeit, Ort, Innen/Außen, Selbst".
1954 wurde Hirtl in Wörgl in Tirol geboren. Nach einem
Lehramtsstudium in Innsbruck ging sie auf zwei Jahre nach Schottland und
dann an die Wiener Akademie. 1980 machte sie dort ihr Diplom. Mit einem
Stipendium wechselte sie an die Ècole Nationale Supérieure des Beaux Arts
nach Paris, dann nach Urbino an ein Lithographie-Institut.
Malachit, Lapislazuli
Nach einigen kurzen Japan-Reisen entschloß sie sich zum
Abschied von Europa. Sie studierte Japanisch in Osaka und machte an der
Tokio National University den Master of Arts - spezialisiert auf
Mineral-Pigmentmalerei auf Papier. Als Assistentin zurück an der Wiener
Akademie, wurde sie nebenbei auch Gleichbehandlungs- und
Auslandsreferentin. Bei der Bewerbung um eine Meisterklassen-Leitung
unterlag sie 1995. Ihr Handicap: Sie wäre trotz ihre weltweiten
Erfahrungen eine "Hausberufung" gewesen, und die Akademie setzte damals
auf Internationalisierung.
Mit Öl, erklärt sie, habe sie nie viel anfangen wollen.
Der Geruch stört sie. Ihr Malmittel ist die Ei-Tempera. Sie wechselt, mit
ritueller Strenge, Schicht für Schicht die dem Bindemittel beizugebenden
Pigmente. Einmal organisch, einmal anorganisch (verschiedene Erden,
Malachit, Miloriblau, Lapislazuli). An alchimistische Anweisungen erinnern
diese selbstauferlegten Verfahrensregeln.
Ihren Bildern sieht man den Herstellungszauber an.
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