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17.02.2003 - Ausstellung
Bildzeichentafeln in Serie: Sprache, Zeit, Ort, Innen, Selbst
Claudia Hirtl ist eine Kunst-Internationale aus Tirol, die tief in fernöstliches Denken und Fühlen vorgedrungen ist. Ein Besuch in ihrem Wiener Atelier.
VON HANS HAIDER


Sie ist in Japan, Amerika, Australien beinahe so zu Hause wie in Wien - wo sie zehn Jahre lang am Schillerplatz in der Meisterklasse Wolfgang Holleghas als Assistenzprofessorin wirkte. Im Semper-Depot, das der Akademie gehört, waren vor fünf Jahren in ihrer bisher einzigen großen Wiener Ausstellung fünfzig ihrer 2,5 mal 2 Meter hohen Bildzeichentafeln zu sehen. Im Salzlager der Stadt Hall in Tirol gelang Claudia Hirtl im letzten Herbst mit 141 dieser Tempera-Großformate eine alle Konventionen sprengende Raum-Bild-Inszenierung. Der Titel: "Redefiguren oder Die Stille des Nach-Sehens".

Nun bereitet sie einen wegen der hohen Transportkosten viel bescheideneren Auftritt in Sydney vor. In Wien, Zürich, London sucht sie seit zwei Jahren Interessenten "für eine große Theaterarbeit". "A multimediatic theatre" heißt das Projekt. Nach welchem Text? "Das Wort wäre peripher, ich plane Bilder in Bewegung, Tänze, von Chören vorgetragene Rezitative".

1996 entwickelte sie für das Phenomena Festival in Jerusalem gemeinsam mit Christine Jubanovic eine unter freiem Himmel gezeigte Multimedia-Performance und ein Künstlerbuch ("Yam") aus den vier Alphabeten (hebräisch, lateinisch, armenisch, arabisch) der in den vier Vierteln der Altstadt lebenden Gemeinschaften.

Im Neubau der Chirurgie in Salzburg findet man Hirtl-Bildvisionen schon in der Eingangshalle. In Kofu in Japan bekam sie 1999 ihren bisher spektakulärsten - und lukrativsten - Großauftrag: eine dreidimensionale kinetische Wandinstallation mit einem computergesteuerten Bewegungsprogramm an der Fassade eines altehrwürdigen, denkmalgeschützten Konzertsaals.

Entwicklungsschritte

"Kunst am Bau" und immer wieder Sammler sichern ihr die Existenz und die Möglichkeit zu reisen. Eine Nichtseßhafte - auch mit reichen Afrika-Erfahrungen! Fünf, sechs ihrer Bilder verkaufe sie pro Jahr - sagt die seit ihrem Abschied von der Wiener Akademie 1995 wieder freischaffende Tirolerin im Gespräch in ihrem Atelier nahe dem Wiener Westbahnhof, einer ehemaligen Gewerbehalle. Aber ihr ganzes OEuvre behält sie im Kleinformat griffbereit, auf Dias und Bild-CDs.

Unverwechselbare Bilder! Sie schöpft sie aus jenen japanischen Schriftzeichen, die einen komplexen Begriff symbolisieren und "kanji" heißen. In ihrem Zeichensystem kann man seit über zehn Jahren sachte Entwicklungschritte ablesen! So entfernte sie sich von harten geometrischen Formen, strebte einer Lebendigkeit zu, als wollten die Buchstaben neuerdings mehr erzählen.

In ihrer aufwendigen Tempera-Lasurtechnik setzt sie auf ihre genormten Großleinwände "Hauptsätze" - so ihr Schlüsselwort; die Kleinformate nennt sie "Nebensätze".

Ihre Bilder tragen Nummern; die Bildtitel behält die Malerin für sich - wie auch im Kunstbetrieb ihren Vornamen. Herb-distanziert grüßt die Frau, die als Single lebt und täglich Sport betreibt, als Hirtl von Plakaten, Einladungskarten, CD-Covern. Ritualisierte, vielleicht priesterliche Distanz und eine penible Ordnung sind wohl notwendige Korsette, wenn man sich in elementaren Bezirken auf Forschungsabenteuer einläßt. Hirtl findet ihre "Hauptsätze" auf fünf Forschungsrouten: "Sprache, Zeit, Ort, Innen/Außen, Selbst".

1954 wurde Hirtl in Wörgl in Tirol geboren. Nach einem Lehramtsstudium in Innsbruck ging sie auf zwei Jahre nach Schottland und dann an die Wiener Akademie. 1980 machte sie dort ihr Diplom. Mit einem Stipendium wechselte sie an die Ècole Nationale Supérieure des Beaux Arts nach Paris, dann nach Urbino an ein Lithographie-Institut.

Malachit, Lapislazuli

Nach einigen kurzen Japan-Reisen entschloß sie sich zum Abschied von Europa. Sie studierte Japanisch in Osaka und machte an der Tokio National University den Master of Arts - spezialisiert auf Mineral-Pigmentmalerei auf Papier. Als Assistentin zurück an der Wiener Akademie, wurde sie nebenbei auch Gleichbehandlungs- und Auslandsreferentin. Bei der Bewerbung um eine Meisterklassen-Leitung unterlag sie 1995. Ihr Handicap: Sie wäre trotz ihre weltweiten Erfahrungen eine "Hausberufung" gewesen, und die Akademie setzte damals auf Internationalisierung.

Mit Öl, erklärt sie, habe sie nie viel anfangen wollen. Der Geruch stört sie. Ihr Malmittel ist die Ei-Tempera. Sie wechselt, mit ritueller Strenge, Schicht für Schicht die dem Bindemittel beizugebenden Pigmente. Einmal organisch, einmal anorganisch (verschiedene Erden, Malachit, Miloriblau, Lapislazuli). An alchimistische Anweisungen erinnern diese selbstauferlegten Verfahrensregeln.

Ihren Bildern sieht man den Herstellungszauber an.

www.hirtl.com



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