Die Restauratorin und Performance-Künstlerin Rita Furrer/ Von Brigitte
Borchhardt-Birbaumer
Das ist ein besonderes Buch: "Anatomie als Kunst. Anatomische
Wachsmodelle des 18. Jahrhunderts im Josephinum in Wien", erschienen 2002
im Christian Brandstätter Verlag. Warum besonders? Es ist nach einigen
Schwarz-Weiß-Katalogen die erste farbig bebilderte Dokumentation der
medizinischen Kunstwerke, die Kaiser Joseph II. in der Florentiner
Werkstatt des Anatomen Felice Fontana und des Bildhauers Clemente Susini
(ein Kupferstecher, ein Zeichner und eine Prosektor waren zusätzlich in
das Projekt involviert) bestellte - und 30.000 Gulden aus eigener
Schatulle dafür zahlte. Die kunstvollen Wachsmodelle waren für die von ihm
1786 gegründete Ausbildungsstätte für Militärchirurgen und allgemeine
Mediziner (die er erst zu einer medizinischen Fakultät vereinte) im
Allgemeinen Krankenhaus (mit damals 2.
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000 Betten) bestimmt. Er ließ die
1.192 Exponate mit Maultieren über den Brenner und von Linz die
Donau abwärts per Schiff transportieren; heute sind die 995 noch
erhaltenen Objekte im Institut für Geschichte der Medizin im
Josephinum zu besichtigen. |
000 Betten) bestimmt. Er ließ die 1.192 Exponate mit Maultieren über
den Brenner und von Linz die Donau abwärts per Schiff transportieren;
heute sind die 995 noch erhaltenen Objekte im Institut für Geschichte der
Medizin im Josephinum zu besichtigen. Arbeit an Wachsmodellen Über
den aufgeklärten Herrscher und seine wissenschaftlichen Ambitionen zum
Wohle der Menschheit schrieben Manfred Skopec, Helmut Gröger und Edith
Almhofer; Alexander Koller hat die den exakten Intentionen entsprechenden,
opulenten Aufnahmen der Wachsmodelle gemacht - und Rita Furrer ihre
jahrzehntelange Restaurierungstätigkeit festgehalten. Ihr, der am 15.
Februar 2003 in Wien verstorbenen Künstlerin, soll dieser Beitrag gewidmet
sein. Nachdem die Wachskunstwerke schon 1797 die ersten (wohl durch
den Transport verursachten) Schäden erlitten hatten, wurden sie im 19.
Jahrhundert mehrmals restauriert. Nach 1945 hat Karl Stolarzyk, der letzte
Wachsbossierer im Lande, mit der schon höchst nötigen Reinigung und
Konservierung der Objekte begonnen. Von 1975 bis 2000 hat Rita Furrer
103 Präparate und 44 Vitrinen, dazu zwei überlebensgroße stehende und vier
liegende Figuren sowie 11 "geburtshilfliche" Modelle restauriert und
121 Vitrinen präventiv behandelt. Dieser Abschnitt ihres Lebenswerks war
konservatorischer Art: Die Arbeit bestand aus dem Ersetzen verlorener
Teile, dem Löten von Rissen, dem Reinigen, dem Beseitigen von
Schimmelpilzen und Wasserschäden, dem Zurechtrücken verschobener Gläser,
dem Konservieren von Eisen- und Messingdrähten mit Wachsschicht. Dafür
musste sie völlig neue Methoden erarbeiten, denn fast alle ihre Vorgänger
hatten die Rezepturen geheimgehalten. Die frühere Leiterin des Instituts,
Erna Lesky, machte sie auf eine 1798 erschienene Quellenschrift zur
Wachspräparierung von Wichelshausen aufmerksam. Furrer begann, die
neuesten Techniken mit den alten Methoden einfühlsam zu verbinden, sich
mit Kolleginnen in der Schweiz und in Florenz zu besprechen, und
hinterließ die neu entwickelten Rezepturen und Ratschläge in mehreren
Aufsätzen für ihre Nachfolger.
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Neben ihrer Tätigkeit als
geduldige und gewissenhafte Wachsobjekterestauratorin war sie aber
auch eine bemerkenswerte PerformanceKünstlerin. Rita Furrer, am 29.
Juli 1939 in der Nähe von Luzern geboren, kam ursprünglich von der
Keramik, studierte dann Bildhauerei in Wien (bei Wander Bertoni an
der Angewandten, 1969 bis 1974) und hat auch einige Plastiken aus
Gips, Polyester, PVC-Folien und Metallen gegossen; ihre besondere
Stärke lag aber in der Überschreitung der Grenze zwischen bildender
Kunst und Theater.
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Neben ihrer Tätigkeit als geduldige und gewissenhafte
Wachsobjekterestauratorin war sie aber auch eine bemerkenswerte
PerformanceKünstlerin. Rita Furrer, am 29. Juli 1939 in der Nähe von
Luzern geboren, kam ursprünglich von der Keramik, studierte dann
Bildhauerei in Wien (bei Wander Bertoni an der Angewandten, 1969 bis 1974)
und hat auch einige Plastiken aus Gips, Polyester, PVC-Folien und Metallen
gegossen; ihre besondere Stärke lag aber in der Überschreitung der Grenze
zwischen bildender Kunst und Theater. Bodo Hell verwies in seiner Grabrede
auf die eindrucksvolle Performance der Künstlerin am 4. März 1981 als
markantes "Aschermittwoch-Zeichen" für die "urbane Konsum- und
Begegnungswelt" in der Wiener Innenstadt. Da ihr die Statik des
plastischen Arbeitens missfiel, versuchte sie mit ihrem von einem
schwarzen Gewand völlig verhüllten Körper und gemessenen Schritts durch
Räume und an öffentlichen Orten den Kunstbegriff zu erweitern: Eine
Vereinigung von Kunst und Leben, wie sie schon ab dem Beginn des 20.
Jahrhunderts gefordert wurde, war für sie selbstverständlich. Die
Künstlerin nannte ihre Performances "intervenierende Handlungen" und
setzte auch starre verhüllte Gestalten in Schwarz und Weiß als stillen
Gegensatz zu ihren Bewegungen im Raum ein. Rita Furrer stand lange in
Kontakt zu dem "Haufen wilder Weiber" (so ein Kritiker über die
Künstlerinnengruppe vor Gründung der IntAkt), die u. a. gegen die männlich
dominierte Kunstpolitik unter Minister Sinowatz demonstrierten. Weder das
"Jahr der Frau" noch die heute so prominenten Aktivitäten Valie Exports,
die nicht nur in den "neuen Medien" den Kollegen vorausgeeilt war,
veränderten die ablehnende Haltung von Museen und Galerien gegenüber
Künstlerinnen. Zu Furrers Auftritten in Wien, Stuttgart, Wuppertal,
Bonn und Graz in den achtziger Jahren existieren schriftliche Konzepte,
die sie aber nie an das Publikum verteilte, wie mir ihre Weggefährtinnen
aus der Künstlerinnengruppe mitteilten. Fotoaktionen fanden auch an
Kultstätten wie Stonehenge oder auf Wackelsteinen im Waldviertel und bei
einer Aktion in und an der Wotruba-Kirche in Mauer statt. Auratische
Wirkung Furrers nahezu magische Präsenz war durch zurückhaltendes
Agieren bestimmt und zielte auf das Überpersonale, Geistige ab. Es ging
ihr natürlich noch nicht darum, Assoziationen zu den Frauen im Islam
herzustellen. Das war damals noch kein Thema. Furrer ging es um das
Sichtbarmachen unsichtbarer Energien und um ein Erscheinungsbild der Frau
ohne Mode- und Werbeattribute. Joseph Beuys und seine Theorien zur
"sozialen Plastik", seine Aktionen und Hinweise auf die einseitig logische
Wissenschaftsgläubigkeit der westlichen Gesellschaft liegen nahe. Zur
Sichtbarmachung der Naturenergie diente ihr die schwarze Ummantelung. Doch
sie beschwor keine Mixtur aus Nietzsches Philosophie und den
Mysterienspielen des Dionysos; sie agierte nicht mit männlichen
Ritualmustern wie Jüngerschaft und Priestertum, worauf sich ihr
aktionistischer Kollege Hermann Nitsch spezialisiert hat. Ihr Auftreten im
Negativraum der Verhüllung verzichtet auf die "mythischen Zufallsformeln"
Talent oder Genie (Roland Barthes). Ihre Konzentration auf anonyme
Strategien führte aber dazu, dass sie am Kunstmarkt kaum oder nur vage
wahrgenommen wurde, allerdings waren Künstlerinnen damals überhaupt -
selbst Valie Export oder Maria Lassnig - eher im Ausland bekannt als
hierzulande. Rita Furrer hatte keine Galerie, doch ihre Freunde wie
Bodo Hell, Ernst Jandl und die IntAkt-Künstlerinnen verfolgten und
fotografierten ihre Interventionen. Als ein "Medium" wird Furrer von ihrer
Freundin Meina Schellander bezeichnet, die dieser auch in den letzten, von
schwerer Krankheit geprägten Lebensjahren beistand. All ihre Energie ist
in Partnerschaften mit Künstlern, in die spezielle Restaurierarbeit und
die performativen "Signale aus dem Verborgenen" sowie zwei Planungen im
öffentlichen Raum mit Wasserklangobjekten geflossen. Um die "logische
Verirrung der Moderne" aufzuzeigen, widmete sich Furrer der binären
Opposition von Schwarz und Weiß mit ihren verhüllten Gestalten oder so
gegensätzlichen Materialien wie Metall und Kunststoff, die ihr eine
geschlechtliche Differenzierung in den Plastiken ermöglichten. Von den
Fotos ihres verhüllten Körpers auf Felsen, Feldern, in Alleen, vor
Sandhügeln oder im städtischen Bereich geht heute noch eine auratische
Wirkung aus. Schatten irritieren und sind auch Teil der Aussage - so
hieß eine Intervention "mit klingenden Bewegungen" in der Minoritenkirche
in Krems-Stein am 24. Juni 1983 "Bilderschatten - Schattenbilder". Dabei
waren einem weißen Gipsabguss ihrer selbst, den sie durch einen Reifen in
einer Lage labiler Vorgebeugtheit stabilisierte, fünf verhüllte schwarze
Figuren gegenübergestellt. Die schwarzen Gestalten saßen oder standen, den
Eindruck erweckend, als ob sie sich plötzlich in Bewegung setzen könnten,
im Kirchenraum verteilt - und die Künstlerin befand sich dazwischen in
"einer dritten Dimension des Malens". Die Vervielfachung der eigenen
Person durch die Abgüsse entsprach ihrem poetischen Konzept von Spannung
zwischen der weißen - dem Leben, der Erotik zugehörigen - Figur und den
schwarzen, nächtlichen Todesboten, die aber auch Heilung verkünden
sollten. Die Verhüllung war für sie kein Symbol der Resignation als Frau;
sie wollte den Körper nicht als Spiegel männlicher Projektionen
preisgeben, ihn vielmehr als "Symbol der Seinsgeborgenheit" umfangen, ihn
als Spiegel des Kosmos vorstellen. Nicht zufällig ist seit der Antike die
Allegorie der Nacht als eine dunkel gekleidete und verhüllte Gestalt in
der Kunstgeschichte bekannt. Neue Ausdrucksformen Die vielseitige
und vielsinnige "Lesemöglichkeit" dieses "offenen Kunstwerks" (Umberto
Eco) zeigt die dynamische Struktur ihres aktionistischen Agierens, bei dem
das Visuelle zuweilen die Vorrangstellung verliert und die vieldeutige,
mehrwertige, chaotische Botschaft (im "Ulysses" von Joyce "Chaosmos"
genannt) deutlich wird. Im freien Feld und an Kultstätten kombinierte
Furrer die archaischen Elemente einer "Spurenlandschaft"; im Stadtgetriebe
schritt sie in Verhüllung über die Kärntner Straße und vollzog am
Stock-im-Eisen-Platz raumgreifende Gebärden, ohne ihr Gesicht zu enthüllen
- ihre Kollegin Lotte Hendrich-Hassmann fotografierte auf Anregung Bodo
Hells dabei auch vom Haas-Haus aus; ohne sie und andere Fotografinnen
wären all diese Aktionen nicht bildlich überliefert. Rita Furrer
beobachtete das "Sich-Totlaufen der traditionellen Kunst" genau, sie hatte
einen Sensor für die Zeichen der Zeit und nützte die damals als der
"weiblichen Ästhetik" zugeordneten, magisch-numinosen Ausdrucksformen für
die Suche nach neuen Strategien. Damit gehört sie der ersten Phase
feministischen Aufbruchs in Österreich an, welcher bis auf Valie Export in
der österreichischen Kunstgeschichte leider praktisch unsichtbar geblieben
ist. In manchem weist ihre performative und konzeptuelle Richtung schon
auf unsere Zeit voraus: sie ist nie die "Hohepriesterin" ihrer Aktion, der
männlich bestimmte Kultcharakter der eigenen Person fehlt bei ihr; auch
die Drastik, der Schmerz des Fleisches und erotische Tabus sind ihr nicht
wichtig. Es ging Furrer um spirituelle Erfahrbarkeit, sie kritisierte
schon damals die den Frauen aufgedrängten, aber von ihnen willig
eingehaltenen Verhaltensnormen, wie heute etwa Elke Krystufek. Rita
Furrers interessante künstlerische Tätigkeit wird durch die Dokumentation
ihrer Weggefährtinnen und ihren Nachlass (dessen Aufnahme in ein Museum
oder Archiv dieser Stadt mehr als wünschenswert wäre) nun hoffentlich
wenigstens postum bekannt werden.
Erschienen am: 28.03.2003 |
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EXTRA vom 28.03.2003
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