| Salzburger Nachrichten am 14. Oktober 2006 - Bereich: Kultur
Die venezianischen Großmeister Das Kunsthistorische
Museum Wien zeigt mit "Bellini, Giorgione, Tizian" venezianische Kunst des
16. Jahrhunderts. Die Eröffnung ist am 18. Oktober.
ERNST P. STROBLWIEN (SN). Bis vor einem Monat hingen die Werke noch in
der National Gallery of Art in Washington, nun übernahm das
Kunsthistorische Museum Wien die Ausstellung "Bellini, Giorgione, Tizian"
und ergänzte sie mit Gemälden aus der eigenen Sammlung venezianischer
Malerei. Am kommenden Mittwoch wird die Schau eröffnet und bietet bis 7.
Jänner 2007 Leckerbissen nicht nur für "normale" Besucher, sondern auch
für Kunsthistoriker und Experten. Die "Hauptdarsteller" der Ausstellung sind Giovanni Bellini
(1430-1516), Tizian (1477-1576) und Giorgione (1478-1510) und ihr Wirken
in den Jahren zwischen 1500 und 1530. Bellinis Spätwerk entwickelte eine
Eigendynamik, gemeinsam mit seinen Schülern revolutionierte er die
traditionelle Malerei. Neue Themen, eine ungewohnte Dynamik, die
Entwicklung der Landschaft im Hintergrund, indem man die Figuren aus der
Symmetrie rückte, und dazu eine malerische Weichheit und Leuchtkraft der
Farben hielten Einzug in die venezianische Kunst. Die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum ist nicht chronologisch
geordnet, sondern in Sektionen nach Bildgattungen wie "Religiöse Werke"
oder "Mythen", "Allegorien", Bildgeschichten und Darstellungen von Männern
und Frauen im Idealbild oder im Porträt. Gerade die Porträts ziehen den
Betrachter besonders in Bann, etwa die faszinierenden Meisterwerke von
Tizian, der "Junge Mann mit Handschuh" aus dem Pariser Louvre, "Flora" aus
den Uffizien in Florenz, "La Schiavona" aus der Londoner National Gallery
oder "Das Konzert" aus dem Palazzo Pitti in Florenz mit dem neuen Sujet
des Mehrfachporträts. Allein bei dieser Aufzählung einzelner "Tizians"
merkt man, dass die Werke in alle Winde verstreut sind und dass man für
die Ausstellung weltweite Verbindungen benötigte. Werke aus allen Teilender Museumswelt Als Erneuerer des Porträts ist
der im Gegensatz zu Bellini oder Tizian jung verstorbene Giorgione nicht
hoch genug einzuschätzen. Er erfand zusätzlich zu Bellinis realistischen,
perfekten Porträts allegorische und auch erzählende Elemente. Eines der
Geheimnisse der Kunstgeschichte wurde nun von der Philologin Karin Zeleny
gelöst, der "Giorgione-Code wurde geknackt", wie es Direktor Wilfried
Seipel ausdrückt. Das Bild "Drei Philosophen" stellt, wie von einem Teil
der Forscher behauptet wurde, drei konkrete antike Philosophen dar. Andere
wiederum meinten, es handle sich um einen Dialog der Religionen, weil
Giorgione einen Juden, einen Moslem mit Turban und einen Christen oder
Heiden abgebildet haben könnte. Beim Studium zeitgenössischer
philosophischer Literatur - in Venedig interessierte man sich sehr dafür -
stieß Zeleny auf Pythagoras, Pherekydes und Thales, die da auf Giorgiones
"Rätselbild" vereint sind. Das Gegenteil ist ihr schwer zu beweisen, und
vielleicht hat Karin Zeleny auch einfach Recht. Für Forschergeister und Interessierte bietet die Ausstellung auch
wissenschaftliche Aspekte. Röntgenaufnahmen und andere
Forschungsergebnisse sind aufschlussreich in die Schau integriert.
Außerdem ist die Gegenüberstellung einzelner Werke lehrreich. Erstmals
hängen in der Wiener Ausstellung zwei "idente" Werke nebeneinander, die
vollendete - perfekte - Version der "Anbetung der Hirten" von Giorgiones
Hand aus Washington, daneben eine unvollendete Version aus Wien, in der
man bestenfalls ein Werk des jungen Tizian sah, sofern es nicht eine
spätere Kopie ist. Eines fällt bei der Ausstellung auf: Nicht die Unterschiede zwischen
den Künstlern - und dazu zählen auch weitere Meister wie Lorenzo Lotto
oder Palma Vecchio - stehen im Vordergrund, sondern das
Verbindende."Bellini, Giorgione, Tizian." Ab 18. 10. im Kunsthistorischen
Museum. www.khm.at |